Noch steht das Haus nicht, darin herumlaufen kann man trotzdem schon. Zumindest in der virtuellen Version. Möglich macht dies das Sissacher Start-up Holotech Solutions. Die Gründer Frank Hasler und Michael Niemann setzen die sogenannte Hololens von Microsoft ein, um die Baubranche zu revolutionieren, wie sie sagen.

Die Hololens sieht aus wie eine überdimensionierte Skibrille und ermöglicht es dem Träger, virtuelle Objekte als Hologramme in der realen Welt zu platzieren. Mixed Reality nennt sich das. Eine eher neue Technologie, aber für sich alleine noch keine Revolution. Was Hasler und Niemann als revolutionär bezeichnen, ist die Art und Weise, wie die Microsoft-Brille beim Bauen eingesetzt werden kann. Und der virtuelle Rundgang durchs geplante Haus ist dabei nur der Anfang.

Um zu erklären, was sonst alles möglich ist, muss Hasler ausholen. «Wer sich in der Baubranche auskennt, weiss, heute redet alles von BIM», beginnt er. Das steht für Building Information Modeling, zu Deutsch Bauwerksdatenmodellierung, und bezeichnet eine Methode der Bauplanung und -ausführung mithilfe von Software. Alle relevanten Daten werden so erfasst und kombiniert, dass am Computer ein virtuelles 3D-Modell eines Bauwerks entsteht.

«Aber auch aus diesem Modell werden dann 2D-Pläne auf Papier, die auf der Baustelle zum Einsatz kommen. Die BIM-Planung hört am Bildschirm auf, zumindest bisher.» Die Hololens macht es möglich, das 3D-Modell auf die Baustelle zu tragen und vor Ort anzusehen, in jeder möglichen Grösse, auch im Massstab 1:1. «Für 3D-Modelle wird die Hololens auch von anderen eingesetzt», so Hasler. «Aber die Möglichkeit, dieses massstabsgetreu einzusetzen, das ist einer der Aspekte, der an unserer Anwendung revolutionär ist. Das gibt es kaum.»

Erstmals marktreif

Ganz neu sei das Thema Überlagerung. Das 1:1-Modell macht es möglich, auch Leitungen von Sanitär-, Lüftungs-, Elektrotechnik und Co. im Rohbau einzublenden, so wie sie laut Plan platziert sein sollten. «Das ist für ein herkömmliches Einfamilienhaus weniger relevant, aber etwa in der Pharmabranche ist es enorm wichtig», weiss Hasler, der selber aus dieser Branche stammt. Dort gelte es, möglichst viel Technik auf möglichst engem Raum unterzubringen.

«Am Bildschirm geht das immer, da kommen die Rohre aneinander vorbei. Aber in der Realität muss nur eines ein bisschen verschoben sein und der ganze Rest der Gebäudetechnik findet keinen Platz mehr.» Also geht man nach der Installation der ersten Rohre und Lüftungskanäle mit der Hololens auf die Baustelle, blendet den technischen Plan ein und schaut, ob alles genau nach Plan verlegt ist. Das geht mit der Anwendung von Holotech Solutions auf drei bis vier Zentimeter genau. «So kann man Fehler gleich beheben und findet sie nicht erst, wenn das halbe Bauwerk schon fertig ist. Das spart Geld, Zeit und Aufwand.»

«Wir sind die Ersten, die eine marktreife Anwendung für das Überlagern von 3D-Modellen mit der Baustelle in Europa anbieten», erzählt Hasler. Für den deutschsprachigen Raum haben sie sogar das Exklusivrecht. Und das Interesse aus der Baubranche scheint gross zu sein. So sei etwa ihr Stand an der Swissbau vergangene Woche sehr rege besucht worden. «Wir mussten mittendrin Visitenkarten nachdrucken lassen, weil die Nachfrage so gross war.» So träumt der Sissacher schon von mehr Personal und aufwendigen Marketingkampagnen. «Mein Geschäftspartner Michael ist der Realist, ich bin der Träumer.»

Haslers Traum war es auch, der die ganze Sache ins Rollen brachte. Bei einem Freund, der in der IT-Branche arbeitet, hielt der 29-Jährige vor gut einem Jahr zum ersten Mal eine Hololens in den Händen. «Durch meinen Job als Pharma-Ingenieur kannte ich BIM-Modelle. Ich dachte mir gleich: Das müsste man doch verknüpfen können.»

Grösse spielt keine Rolle

In Neuseeland wurde Hasler fündig: Ein Programmierer-Team tüftelte an einer entsprechenden Applikation und war gleich an einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit interessiert. Der Anfang einer Erfolgsgeschichte? Hasler ist davon überzeugt. «Wir erkennen nicht nur frühzeitig Fehler und erhöhen die Effizienz. Wir vermitteln der Bauherrschaft auch ein besseres Bild der Dimensionen, erleichtern ihnen das räumliche Denken und das Mitteilen von Wünschen und Anforderungen.» Egal, ob für einen riesigen Pharmabau oder fürs ersehnte Einfamilienhaus.»