Es mutet kurios an: Im beschaulichen Seewen im Schwarzbubenland, von der Museumsstadt Basel weit entfernt, liegt eines der wenigen Museen, die von der Eidgenossenschaft geführt werden. Das wirkt zufällig. Und das ist es auch. In Seewen lebt der Unternehmer, Sammler und Mäzen Heinrich Weiss-Stauffacher. Im April 1979 eröffnete er hier sein privates Museum, um seine eindrückliche Sammlung von Musikdosen und -automaten öffentlich zugänglich zu machen. Der Mann wollte seinen Schatz teilen.

Das stiess auf Interesse. Bereits nach wenigen Jahren konnte er den 100 000. Besucher begrüssen. Weiss-Stauffacher bewies Weitsicht: 1990, da war er 70 Jahre alt, sicherte er die Zukunft des Museums, indem er es der Eidgenossenschaft vermachte. Auf dass diese sich langfristig um die Erhaltung und den Betrieb kümmern würde.

Lebendige Tradition

Dass die Sammlung und das Museum Teil des Bundesinventars wurden, war auch erfolgreicher Lobbyarbeit zu verdanken: Mit Otto Stich sass damals ein Dornacher im Bundesrat. Das sei durchaus von Vorteil gewesen, wie Isabelle Chassot, Direktorin des Bundesamts für Kultur, diese Woche in ihrer Laudatio zum 40-Jahr-Jubiläum des Museums durchblicken liess. Chassot erwähnte auch, dass die Annahme einer solchen Schenkung heute keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Denn Sammlungen verpflichten, ihr Unterhalt kostet.

Im Unterschied zu einem Landesmuseum in Zürich ist jenes in Seewen zudem ein Nischenmuseum. Muss man es oft verteidigen? Christoph Hänggi, langjähriger Direktor dieses Hauses, verneint: «Im Gegenteil: Gerade diese Woche hat der Bund das Uhrmacherhandwerk unter Einbezug der Herstellung von Musikautomaten der UNESCO zur Aufnahme in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Schweiz vorgelegt. Das Museum für Musikautomaten ist also aktueller denn je.»

Tatsächlich werden am anderen Ende des Jurabogens, speziell im waadtländischen Sainte-Croix, heute noch Automaten und Musikdosen hergestellt. Weshalb man stolz von einer lebendigen Tradition spricht.

Ihren Höhepunkt aber erlebten die repräsentativen Figurenautomaten, wie man sie in Seewen ausgestellt sieht, vor 150 Jahren: «Beim städtischen Bürgertum des ausgehenden 19. Jahrhunderts waren solche Automaten eine willkommene Abwechslung und dienten dem Vergnügen», erzählt Christoph Hänggi. Möglichkeiten zur Unterhaltung waren noch reduziert: Man konnte spielen, sich etwas vorlesen, vorspielen oder man konnte sich mit einem mechanischen Klavier, einer Musikdose oder einem Figurenautomaten Vergnügen bereiten und Gästen imponieren.

So zierten etwa Äffchen oder menschliche Puppen die Salons. Sie wurden aufgezogen wie Uhren und bewegten sich dann im besten Fall zu einem Musikstück. Das ist durchaus faszinierend und kurios. Allerdings kann man die mechanischen Objekte in Seewen - etwa im Unterschied zu manchen Exponaten im Museum Tinguely –, nicht per Knopfdruck in Gang setzen.

«Das ist aus kuratorischen Gründen nicht möglich», sagt Direktor Hänggi, «denn dann würden unsere Objekte pausenlos gespielt. Einen Automaten dreimal täglich abzuspielen, wie dies auf unseren Führungen passiert, ist gerade noch zu vertreten. Unsere zwei Restauratoren haben schon so genug zu tun.»

«Automatenmusik 4.0» hat Hänggi die Jubiläumsausstellung betitelt: Im Laufe des Jahres werden vier Themenfelder präsentiert, nach den Figurenautomaten auch die Musikdosen, Souvenirs und schliesslich die Bahnhofautomaten. Klingt nach «Tempi passati», doch die Bezeichnung «4.0» im Titel zielt auch in die Gegenwart, spielt sie doch auf die Digitalisierung an. Man möchte auch im Museum für Musikautomaten mit der Zeit gehen, allerdings sind es noch sehr zaghafte Schritte, die eingeschlagen werden.

Zaghafte Modernisierung

So liegen beim Rundgang einige Tablets auf. Positiv: Die Benutzerführung ist mehrsprachig. Schade aber, dass man lediglich ein Dutzend Exponate der aktuellen Ausstellung im Film anschauen und anhören kann. Warum nicht alle? «Die weiteren Objekte werden auf den Führungen erklärt und vorgeführt», sagt Hänggi. «Es ist uns ein Anliegen, den Besuchenden weiterhin das Führungserlebnis zu bieten. Damit darauf eingegangen wird, ist nicht die gesamte Ausstellung auf den iPads.»

Ob diese Zurückhaltung klug ist, wo man doch auch jüngere Generationen erreichen sollte? Im Zeitalter der Flexibilität möchten sich viele Besucher freier bewegen, ohne Zwang. Gut daher, dass neu alle Räume zugänglich sind. Zugleich aber scheint man sich ein bisschen davor zu fürchten, den grossen Schritt in die Gegenwart zu machen und stärker auf digitale Ergänzungen zu setzen, die viel Wissen und Eindrücke vermitteln.

Warum keine Audio- oder Tabletguides? Immerhin hat Hänggi eine «Automatenshow» erstellt. Bei diesem eigens montierten Filmzusammenschnitt ging allerdings der User vergessen: Was hat die Französische Revolution mit der Evolution der Figurenautomaten zu tun? Man erfährt es in dieser Show nicht, deren Aussagekraft sehr bescheiden ist. In der Vermittlung ist das Museum noch nicht in der digitalen Gegenwart angekommen.

Und wie sieht es mit der Zukunft aus? 50 Prozent der Sammlungsobjekte lagern in einem unterirdischen Kulturgüterschutzraum und warten auf ihren Auftritt. «Sonderausstellungen mit mechanischen Klavieren oder Drehorgeln in ihrer Vielfalt wären beispielsweise Themen, die wir noch nie gezeigt haben», sagt Hänggi.

Sammlungsgegenstände gäbe es also genug, nicht aber Platz, sie zu zeigen. An der Vernissage richtete Museumsgründer Heinrich Weiss-Stauffacher den Wunsch an Isabelle Chassot, der Bund möge doch bald einen Erweiterungsbau errichten. Die Bundes-Vertreterin ging aber nicht darauf ein. «Ein Erweiterungsbau des Museums ist für uns derzeit kein Thema», lässt sie auf unsere Nachfrage ausrichten. Andere Bundesprojekte hatten Vorrang, etwa der Ausbau des Landesmuseums, ergänzt Direktor Hänggi. Ein Ausbau in Seewen ist also weiterhin Zukunftsmusik.