Spitzenverkehrszeit nennen es die öV-Planer. Pendlerströme, dicht gedrängte Sitzplatzsituation, stehende Passagiere in den Gängen. Die Realität sieht allerdings anders aus. Zumindest in der S9, 7.31 Uhr ab Sissach. Gerade mal sechs Fahrgäste sitzen im Zug, bis zum Endbahnhof in Olten steigt die Anzahl der Reisenden auf nicht mal 20.

Die S9, besser bekannt unter dem Namen Läufelfingerli, ist halb leer an diesem Morgen. Und sie war es zu den Pendlerzeiten die ganze Woche lang. Egal, in welche Richtung man sich während der klassischen Pendlerzeiten bewegte.

Der einsame Höhepunkt war der Dienstagabend. Wegen einer Schulklasse aus dem solothurnischen Trimbach war der Zug gut gefüllt — Basler Fasnacht sei Dank. Damit wird auch das Problem der Strecke augenfällig: Zu wenige Fahrgäste, der Kostendeckungsgrad liegt bei 20 Prozent.

Noch in diesem Monat wird aus diesem Grund das Läufelfingerli auf die Schlachtbank geführt werden. Zum wiederholten Mal. Anlass genug, um die geschichtsträchtige Strecke während den Pendlerzeiten zu besuchen.

Vom Bahnhof Sissach...

«Wir begrüssen Sie in der S9», klingt es aus dem Lautsprecher. Der Zug setzt sich zügig in Bewegung. Sieben Passagiere sitzen im Zug, und tuckern in Richtung Diepflingen. Kurz vorher kam der Zug in Sissach gut gefüllt an. Was eine Fahrgastzahl knapp unter 20 bedeutet.

An den anderen Tagen sieht es ähnlich aus. «Die Schulferien», heisst es von einem Passagier. Sonst sei mehr los. Ich bin versucht, daran zu glauben. Denn mit dem Häufchen an Passagieren, welche ich pro Fahrt gezählt habe, lässt sich eine Weiterführung zumindest aus wirtschaftlicher Sicht wohl nicht erklären. Die Bahn rechnet sich schlicht nicht.

...über Diepflingen...

Auf der Hinfahrt steigen hier noch sechs Leute ein, um nach Sissach zu fahren. Nun, in die Gegenrichtung, sind es deren zwei.

Die Zug-Komposition, in der wir entlang der alten Hauensteinlinie gondeln, besteht aus zwei Wagen. Im Innern: Werbung für den Thurgau. Kein Wunder, sind doch sogenannte Gelenktriebwagen der Regionalbahn Thurbo unterwegs für die SBB. Farbige Kopfstützen, Sechser- und Viererabteile nebeneinander. Niederflureinstieg und ein kleineres, kaum genutztes 1. Klasse-Abteil mit Lederoptiksitzen: Alles was ein Regionalzug braucht.

Die maximale Fahrtzeit von 22 Minuten lässt auch das fehlende WC vergessen.

...und den Bahnhof Sommerau...

Der Zug passiert die Station Sommerau. Sie liegt auf Gelterkinder Boden, doch weit abseits von grossen Siedlungen. Dementsprechend wenig wird der Bahnhof genutzt.

An der Hauswand des Privathauses direkt an der Strecke ist liebevoll das Läufelfingerli aufgemalt. Das Bahnhofsgebäude jedoch hat seine besten Zeiten hinter sich, die Farbe blättert da und dort ab.

Auf der Rückfahrt steigt eine ältere Frau ein, mit dabei ein Einkaufswägelchen. Sie grüsst freundlich, einige grüssen zurück.

Ich sitze bei einem älteren Ehepaar. Alois und Lisbeth Arnold schwärmen von der landschaftlichen Attraktivität der Strecke. «Wir fahren sicher drei Mal in der Woche von Trimbach nach Bad Ramsach», sagt Lisbeth Arnold. Und was ist, wenn der Zug tatsächlich nicht mehr fahren würde? «Dann müsste es irgendwie sonst gehen.»

...nach Rümlingen.

Im Dorf mit dem weithin bekannten Viadukt hat man sich während der Vernehmlassung nicht offiziell geäussert. Gemeindepräsident Matthias Liechti: «Wir wollen uns konsolidiert zur Wehr setzen.» Etwa über das Baselbieter Komitee für den öV in den Randregionen.

Eine Einstellung der Zuglinie sei für die Gemeinde keine gute Lösung. Auch wenn mit der angedachten Buslösung in Richtung Sissach die Verbindungen verbessert werden würden. «Vor allem auch Berufstätige orientieren sich Richtung Mittelland und profitieren vom Läufelfingerli mit der direkten Verbindung nach Olten», sagt Liechti.

Das Problem laut Liechti: Seit der Fahrplan der S9 nicht mehr auf die Fernverkehrszüge abgestimmt ist, seien einige auf das Auto umgestiegen. «Wäre der Zug wieder anders getaktet, vor allem am Abend, würden einige wieder auf das Läufelfingerli umsteigen», ist sich Liechti sicher.

Am Dienstagabend um 18 Uhr zum Beispiel steigen nicht mal 20 Personen ein, um vom Mittelland ins Homburgertal zu pendeln. SBB-Mediensprecher Christian Ginsig sagt zu den Abfahrtszeiten: «Bei einer Abfahrt des Läufelfingerlis nach dem IC Bern-Basel wird in Sissach der Anschluss Richtung Basel nicht mehr erreicht. Dadurch reicht auch die Wendezeit in Sissach nicht mehr und bei der Ankunft in Olten würden in die Anschlüsse in Richtung Bern und Zürich verloren gehen.» Ein Teufelskreis.

Liechti sieht im angedachten Ersatz-Busangebot indes keine Alternative. Dies sei zu wenig attraktiv. «Mit dem Auto ist man viel schneller in Olten als mit dem Bus.»

Weiter nach Buckten...

Hans-Rudolf Thommen ist mit der Bahn aufgewachsen. Ursprünglich aus Buckten, benutzt er das Läufelfingerli «ab und zu», um zur Arbeit zu fahren. Jedoch mittlerweile von Olten aus. «Der Zug muss unbedingt behalten werden», sagt er und ergänzt «zu jedem Preis.»

Er verstehe jedoch, wenn zu den Randzeiten etwas gemacht werden muss. Einzelne Bahnhöfe hätten schon sehr an Bedeutung verloren, wie etwa Sommerau. Ebenso zur Arbeit fährt Akjit Mustafoski. Er pendelt täglich und sagt: «Abschaffen kommt für mich nicht infrage.»

...Läufelfingen...

Die Läufelfingerin Mariann Strub ist Teil der Hoffnung, dass die S9 auch dieses Mal überlebt. Ausgerüstet mit Unterschriftenbogen und Stift sammelt sie Unterstützer für die Linie. Über 100 Unterschriften hat sie bereits gesammelt. D

er Kampf für das Läufelfingerli wird auf beiden Seiten des Hauensteins routiniert geführt, denn auch nach den letzten 20 Jahren Dauerbeschuss wird gekämpft. Kaum gebe ich mich als Journalist zu erkennen, entbrennt eine Diskussion, die bis zur Endstation nicht abebben wird.

So wird etwa ein klares Ablösekonzept gefordert, das aufzeigt, wie die Buslösung genau aussehen soll. Die Angst: Viele würden dann einfach das Privatauto nehmen, um nach Sissach oder Olten zu gelangen.

...ins solothurnische Trimbach...

Auf der anderen Seite des Hauensteins ist es neblig. Wir passieren die alten Fortifikationen aus dem Ersten Weltkrieg. Die Bahn ist älter. 1858 wurde der gut 2,5 Kilometer lange Hauenstein-Scheiteltunnel eröffnet. Die wichtige Zugverbindung von Basel ins Mittelland war Tatsache.

Fast 160 Jahre später hat die Strecke an Prestige verloren und es steigen nur gerade vier Passagiere zu.

...bis zur Endstation Olten

Der Zug kommt an seinem Bestimmungsort an. Am Mittwochmorgen verlassen gut 15 Leute das Läufelfingerli und verteilen sich ins ganze Mittelland. Spitzenverkehrszeit auf der S9.

Ob die Auslastung in Zukunft besser wird? Wohl kaum. Auch wenn nächste Woche die Ferien vorbei sind, wird die S9 nicht von Pendlerströmen überfüllt werden.

Vielleicht wenn durch ein zusätzliches Bahntrasse in Olten die Anschlüsse besser werden, die Linie direkt weiter nach Basel führt, mehr Bahnhöfe an der Strecke gebaut werden? Ideen, welche alle schon mal angedacht worden sind und zweifellos Möglichkeiten, um die Attraktivität der Linie zu steigern.

Doch wie es halt so ist, kostet alles Geld. Und genau da haperts. Denn gerade fehlendes Geld führte dazu, dass das Läufelfingerli auf die Schlachtbank geführt wird. Zum wiederholten Mal. Ob es zum wiederholten Mal davonkommt?