Frau Schneider-Schneiter, Ihr Kollege Klaus Kirchmayr ist eben im Namen der Fusion durch alle Gemeinden beider Basel marschiert. Sie waren nicht dabei.

Elisabeth Schneider-Schneiter: Ich habe regelmässig mitverfolgt, wo sich Klaus gerade befindet. Ich hatte diese Woche leider keine Zeit, mitzuwandern. Ich war aber mental dabei. Für Unterbaselbieter wie mich ist es zudem immer wieder spannend zu sehen, welche landschaftlichen Schönheiten das Oberbaselbiet aufweist.

Ist eine solche Wanderung eine Möglichkeit, die Menschen emotional auf das Fusions-Thema anzusprechen?

Es ist wichtig zu zeigen, dass wir Fusionsbefürworter das Baselbiet genauso gern haben wie die Gegner. Diese versuchen, das patriotische Gedankengut für sich zu pachten. Sie tun so, als wären sie alleine «echte Baselbieter». Auch wir Fusionsbefürworter setzen uns täglich für das Baselbiet ein. Mir muss niemand erzählen, was Heimatliebe ist. Meine Familie ist seit Generationen im Baselbiet und der Region verwurzelt. Neben einer langen Familientradition in Biel-Benken habe ich mütterlicherseits Verbindungen nach Titterten, der Wohngemeinde von Christian Miesch. Eine solche Verwurzelung im Baselbiet kann Fusionsgegner und SVP-Landrat Oskar Kämpfer nicht vorweisen.

Würden Sie sich auch nach einer Fusion als Baselbieterin bezeichnen?

Selbstverständlich. Ich bin mit Herzblut Baselbieterin und ich lebe sehr gerne hier. Anderswo in der Schweiz oder im Ausland betone ich, dass ich aus der Region Basel stamme. «Basel» bedeutet für mich sowohl Stadt als auch die Landschaft.

Was setzen Sie der zur Schau gestellten Heimatliebe der Gegner entgegen?

Wir haben es mit sachlichen Argumenten geschafft, ein Unterstützungskomitee auf die Beine zu stellen, das aus Exponenten aller Parteien besteht, sowie in Wirtschaft und Gesellschaft breit abgestützt ist. Das hätten wir nicht geschafft, hätten wir einseitig den Bauch angesprochen.

Den Bauch ansprechen wird aber ebenfalls nötig sein, um zu gewinnen.

Aktionen wie das «Rotstablied» von Florian Schneider sind wenig geeignet, Leute ins Boot zu holen, die an harten Fakten interessiert sind. Aber Sie haben recht: Wir werden das Zusammengehörigkeitsgefühl in der Region im Abstimmungskampf noch in die Waagschale werfen. Trotz aller Verschiedenheiten gehören Stadt und Land zusammen, die Basler Fasnacht und der FCB sind beste Beispiele. Beides sind streng genommen bikantonale Institutionen. Mit der Facebook-Gruppe «Ein FCB – ein Basel» können wir politisch weniger interessierte Menschen abholen.

Sind Sie wegen Ihres Engagements für die Fusion bereits angefeindet worden?

Nicht gross. Ich habe schon Zuschriften erhalten von Personen, die sagen, sie würden mich deswegen als Nationalrätin nicht wiederwählen. Grösstenteils waren die Reaktionen aber positiv. Sollte das Baselbieter Volk diese nicht goutieren und mich 2015 nicht mehr nach Bern entsenden, wäre das sehr schade. Ich politisiere mit grosser Leidenschaft im Nationalrat. Mich aus wahltaktischen Überlegungen verbiegen werde ich aber sicher nicht.

Die Fusionsbefürworter haben sich in der vom Liestaler Stadtpräsidenten Lukas Ott lancierten Debatte um den Hauptort des Kantons Basel öffentlich widersprochen. Nicht sehr klug.

Von den Medien ist das als grosse Meinungsverschiedenheit dargestellt worden. Meine Haltung unterscheidet sich aber nicht wesentlich von jener von Lukas Ott. Für mich ist klar: Die Hauptstadt eines fusionierten Kantons muss Basel sein. Liestal kann aber die Funktion eines Verwaltungszentrums einnehmen. Liestal würde im neuen Kanton eine wichtige Rolle spielen, indem es die Stadt entlastet und ergänzt.

Ist die Idee mit Liestal als künftigem Verwaltungszentrum dazu geeignet, fusionskritische Personen vor der Abstimmung ins Pro-Lager zu ziehen?

Die Frage, wo sich die künftige Hauptstadt befinden soll, ist für ein Ja oder Nein zur Fusion zweitrangig. Die Fusionsgegner lassen sich nicht von allfälligen Zugeständnissen in der Hauptortfrage umstimmen. Der abtretende SVP-Nationalrat Caspar Baader, den ich persönlich schätze, hat das Argumentarium der Gegner auf den Punkt gebracht. Er sagte lapidar: «Mir wei nid».

Wie schätzen Sie die Stimmung in der Stadt Basel gegenüber der Fusion ein?

Ich bin überzeugt, dass es in der Stadt am 28. September ein Ja gibt. Ich schätze es, dass sich die Meinungsführer in der Stadt bisher vornehm zurück gehalten und Provokationen aus dem Baselbiet nicht auf die Goldwaage gelegt haben. In der Landratsdebatte sind Voten gegenüber der Stadt gefallen, die jenen nicht würdig sind, die behaupten, sie wollten stärker mit Basel zusammenarbeiten. Der Stadt wurde vorgeworfen, sie wolle «expandieren» und das Baselbiet «annektieren».

Die Befürworter betonen gebetsmühlenartig, am 28. September gehe es nicht um die Fusion, sondern bloss darum, diese zu prüfen. Das ist dem Stimmbürger kaum zu vermitteln.

Das sehe ich anders: In den 1960er-Jahren kam dieses zweistufige Verfahren bereits zur Anwendung. Das Nein des Baselbieter Volkes 1969 resultierte in der zweiten Abstimmung. Wir hoffen, dass dieses Verfahren die Fusion dieses Mal zum Gelingen bringt. Ideal wäre gewesen, im Vorfeld der Abstimmung eine Simulation durchzuführen, wie sie von einer Mehrheit des Landrates gefordert wurde. Dann wüssten wir heute in groben Zügen, was für und was gegen eine Fusion spricht. Die Baselbieter Regierung hat dies leider abgewürgt. Auch behauptet sie im diese Woche erschienenen Abstimmungsbüchlein, die beiden Kantone seien nicht kompatibel. Das wissen wir doch noch gar nicht. Nach einem Ja am 28. September wird es Aufgabe des Verfassungsrates sein, Fakten zu beschaffen und diese auf den Tisch zu legen.

Werden Sie Ihre Meinung revidieren, wenn der Verfassungsrat feststellt, dass eine Fusion mit Nachteilen für die beiden Basel verbunden ist?

Selbstverständlich. Wir Befürworter müssen hier ergebnisoffen sein.

Wie gross ist Ihr Ärger über das aus Sicht der Fusionsbefürworter unausgewogene Abstimmungsbüchlein?

Der Ärger hält sich in Grenzen. Das Büchlein wird das Resultat nicht beeinflussen. Es wird ohnehin nur von einer Minderheit gelesen. Etwas anderes ärgert mich mehr: Dass die Regierung nicht den Mut aufbringt, die Fusion wenigstens zu prüfen. Wer nicht bereit ist für Veränderungen, der verliert auch das, was er bewahren will.

Baselland hat wegen klammer Finanzen kaum Handlungsspielraum. Ein starkes Argument für die Fusion?

Leider haben es die Entscheidungsträger im letzten Jahrzehnt verpasst, den Kanton mit innovativen Ideen auf Kurs zu halten. Die Gegner der Fusion präsentieren keine konkreten Vorschläge, wie wir unseren Kanton langfristig wieder auf Kurs bringen können. Ich bin überzeugt, dass die Debatte dem Kanton neuen Schwung verleiht - egal, wie es am 28. September rauskommt. Bei einem Nein ist es wichtig, die Partnerschaft weiterzuentwickeln. Dann muss ein Zusammenarbeitsrat eingeführt werden. Lokale Medien haben uns mangelnde Aufbruchstimmung vorgeworfen. Ich frage mich ernsthaft, wem es daran mangelt.

Ist bei einem Nein am 28. September die Fusion endgültig vom Tisch?

Das kommt aufs Resultat an. Resultiert im Bezirk Arlesheim ein relativ deutliches Ja, so könnte ich mir vorstellen, über seinen Anschluss an Basel-Stadt zu diskutieren; allenfalls im Verbund mit dem Laufental. Im Oberbaselbiet würde dann vielleicht der Eine oder Andere merken, dass die ländlichen Bezirke nicht so selbstständig sind, wie sie es gerne hätten. Die Unterbaselbieter Zahlungen in den Finanzausgleich sprechen eine deutliche Sprache.