Herr Dill, wie viele Bilder befinden sich im Archiv des Sportmuseums?

Gregor Dill: Ehrlich gesagt, wir wissen es nicht so genau. Aber wir schätzen, dass es so gegen eine Million sind. Jedoch handelt es sich dabei nicht ausschliesslich um Fotografien, sondern auch andere Abbildungen wie zum Beispiel Lithografien.

Diese Zahl ist wirklich beachtlich. Woher stammen denn all diese Bilder?

Das ist ganz unterschiedlich. Als das Sportmuseum Ende der 40er-Jahre gegründet wurde, waren es vor allem Privatsammler, die ihre Sammlungen dem Museum übergaben. Später kamen dann Bilder von Fotoagenturen oder Sportzeitschriften dazu. Zudem stellen uns viele Verbände wie zum Beispiel der Schweizer Turnverband ihre Bildbestände zur Verfügung.

Aus welchem Jahr stammt das älteste Stück in Ihrem Bestand?

Wir haben eine Bild vom Eidgenössischen Turnfest 1867 in Genf. Es ist die älteste Fotografie des Schweizer Sports. Aber wir haben auch Abbildungen, die bedeutend älter sind. Da wäre zum Beispiel ein Holzschnitt aus dem 16. Jahrhundert. Darauf sind verschiedene Turnübungen illustriert.

Wie werden die Bilder archiviert?

Standardmässig werden alle Abbildungen zunächst analog abgelegt. Im Rahmen einer Erschliessungsarbeit wollen wir aber die meisten Bilder digitalisieren. Das erleichtert die Recherche am Computer, weil man die Bilder dann auch nach anderen Kriterien als nur dem Textbeschrieb suchen kann. Zudem kann man die Bilder auch leichter via Internet zur Verfügung stellen. Da wartet aber noch eine Menge Arbeit auf uns. Nur ein Bruchteil des Archivs wurde bereits digitalisiert.

Welchen Einfluss hat die Sportfotografie auf die öffentliche Wahrnehmung des Sports an sich?

Da muss ich ein wenig weiter ausholen: mit der Erfindung des Fernsehens und - vor allem des Farbfernsehens - wurden Sportbilder unglaublich populär. Gleichzeitig erlebte auch der Sport an sich einen grossen Popularitätsschub. Es gibt da also eine interessante Parallele. Ich würde sogar behaupten, ohne das Sportfernsehen und die Sportfotografie gäbe es den Sport in seiner heutigen Popularität nicht. Sportbilder können zudem die öffentliche Wahrnehmung einer Sportart beeinflussen. Beispielsweise hat man heute das Gefühl, die 70er-Jahre seien die goldenen Jahre des Schweizer Skisports gewesen. Diese Wahrnehmung deckt sich aber überhaupt nicht mit den sportlichen Resultaten der Schweizer Skifahrer in jener Zeit. Damals schaute einfach die ganze Schweiz mangels Programmvielfalt die Skirennen am Fernsehen. Bernhard Russi in Farbe, das war das absolute Highlight. Daher rührt wohl diese verdrehte öffentliche Wahrnehmung des Schweizer Skisports.

Welches ist Ihr persönliches Lieblingsbild aus dem Archiv?

Mein Favorit ist eine Fotografie, das den späteren Bundesrat Adolf Ogi 1964 im Windkanal von Emmen zeigt. Dieses Bild erinnert daran, dass die Schweizer Sportidentität, die immer noch an dieser Skifahrerei klebt, aus einem Desaster heraus geboren wurde. Die Schweizer Skisportler gewannen an den Olympischen Winterspielen 1964 keine einzige Medaille. Es ging ein Aufschrei durchs Land und die Sache wurde sogar im Parlament diskutiert. Der Bund initiierte daraufhin das Sportförderprogramm J+S. Adolf Ogi stiess damals zum Skiverband, um frischen Wind in den Verein zu bringen. Und siehe da: 1970 wurde Bernhard Russi Weltmeister.