Das Forum für Landmanagement, hinter dem Planungs- und Landwirtschaftskreise aus den beiden Basel stehen, hat am Dienstagabend zur Diskussion ins Schloss Ebenrain in Sissach eingeladen.

Im Mittelpunkt stand die Frage: «Ziehen wir uns und unseren Kindern den Boden unter den Füssen weg?» Das Inputreferat vor rund 60 Teilnehmern hielt Lukas Kilcher, Leiter des Ebenrain-Zentrums für Landwirtschaft, Natur und Ernährung. Und er beantwortete die Frage mit einem klaren Ja, falls wir so weitermachen wie in den vergangenen Jahrzehnten. Das gilt insbesondere auch fürs Baselbiet, wie Kilcher im bz-Interview darlegt.

Herr Kilcher, die Rede ist immer davon, dass in der Schweiz pro Sekunde ein Quadratmeter Boden verbaut wird. Was heisst das für die Landwirtschaft?

Lukas Kilcher: Wir befinden uns mitten in einer dramatischen Abwärtsspirale. Die Zahlen des Bundes über den Bodennutzungswandel von 1985 bis 2009 zeigen, dass wir in dieser Periode pro Sekunde 1,1 Quadratmeter landwirtschaftliche Nutzfläche verloren haben, was 850 Quadratkilometern oder 5,4 Prozent der Landwirtschaftsfläche entspricht.

Besonders Sorge macht dabei, dass rund ein Drittel davon fruchtbarstes Ackerland war, das unwiederbringlich mit Siedlungen, Industrie und Strassen zugebaut wurde. Neuere Zahlen sind noch nicht verfügbar, aber wir müssen davon ausgehen, dass sich die Entwicklung seither sicher nicht abgeschwächt hat. Dazu kommt, dass auch der Wald auf Kosten der Landwirtschaftsfläche wächst, wobei diese Verdrängung je höher, desto stärker stattfindet.

Haben Sie auch Zahlen fürs Baselbiet?

Hier ist die Entwicklung noch ausgeprägter. Wir haben in der gleichen Zeitperiode 1300 Hektaren oder 5,9 Prozent der Landwirtschaftsfläche verloren. Wobei das prozentuale Wachstum der Siedlungsflächen in den Bezirken Arlesheim, Liestal und Sissach am grössten ist.

Sie reden von einer dramatischen Abwärtsspirale. Was gehört noch dazu?

Nebst den quantitativen Verlusten büssen die Böden wegen der Abnahme der Fruchtbarkeit auch an Qualität ein. Gleichzeitig müssen wir immer mehr Menschen ernähren. 1960 lebten in der Schweiz 5,3 Millionen Menschen, heute sind es 8,5 Millionen. Aber diese vermögen wir auch mit intensiverer Bewirtschaftung und unter Einsatz von ertragsreicheren Sorten, Futtermitteln und Düngern nicht zu ernähren. Aus hiesiger Produktion schaffen wir das heute zu 48 Prozent. Das heisst, wir beanspruchen zweimal die Schweiz und kaufen Nahrungsmittel, Futtermittel und Dünger aus dem Ausland zu. Mit unseren 1300 Quadratmetern landwirtschaftlicher Nutzfläche pro Kopf belegen wir global einen Schlussrang.

Wir können uns das heute dank unserer Kaufkraft leisten. Aber wie reagieren andere, die das nicht können, wenn die Klimaerwärmung die Ernten schmälert? Schon heute müssen etwa Thailand oder die Philippinen ihre Reisexporte einschränken. Drastisch ausgedrückt führen wir uns wie eine Blattlauskolonie auf, die dem Blatt, auf dem sie lebt, alles aussaugt, bis dieses abstirbt und mit ihm die Läuse selbst.

Fokussieren wir nochmals aufs Baselbiet. Sie sagten vor zwei Jahren in einem bz-Interview bezüglich Bodenverlust, wir hätten völlig versagt. Mittlerweile will der Kanton bestes Ackerland mit Deponien zuschütten und – neustes Beispiel – er wehrt sich dagegen, überdimensioniertes Bauland zurückzuzonen, wie es der Bund verlangt. Das Blattlausleben geht also munter weiter.

Ja, das ist im Moment so. Ich hoffe aber sehr, dass unsere Spezies intelligenter ist als Blattläuse. Deshalb müssen wir alles versuchen, Gegensteuer zu geben. Das heisst, wir müssen unser Kulturland quantitativ und qualitativ und damit unsere Ernährungsgrundlage schützen.

Wie wollen Sie das bewerkstelligen?

Es braucht für den Erhalt der Böden für künftige Generationen mehr als nur kleine Schritte, und wir sollten den Handlungsspielraum, den wir noch haben, dringend nutzen. Als erstes müssen wir aufhören, platzverschwenderisch zu bauen, wie etwa einstöckige Gewerbebauten und Supermärkte mit ebenerdigen Parkplätzen. Gleichzeitig müssen wir in der Raumplanung den Stellenwert des Kulturlands erhöhen.

Ich kann mir mittelfristig einen Schutzstatus wie beim Wald vorstellen. Wahrscheinlich braucht es auch unkonventionelle Gedanken. So müssen wir uns überlegen, die letzten fruchtbaren Ebenen der Nahrungsmittelproduktion zu überlassen und beim Bauen Hanglagen zu bevorzugen. Auch sollte die Waldfläche auf dem heutigen Stand eingefroren werden.

Und wie wollen Sie den Boden qualitativ schützen?

Wir müssen mit allen Mitteln dafür sorgen, dass die Böden für künftige Generationen fruchtbar bleiben. Das vermitteln wir bereits am Ebenrain. Aber es braucht weitergehende Anstrengungen, denn der Druck, auf dem verbleibenden Kulturland immer mehr und zudem möglichst günstig zu produzieren , ist das Hauptproblem. Gerade bei der Bodenfruchtbarkeit zeigen sich die Grenzen des Wachstums: Wir können aus der Erde nicht mehr herauspressen, als die Natur ermöglicht.

Gesunde Böden sind aber nicht nur für die Nahrungsmittelproduktion überlebenswichtig, sondern auch für das Klima. Wir starten deshalb nächstes Jahr am Ebenrain zusammen mit Bund und Kanton ein Projekt, wie wir den Kohlenstoff zurück in den Boden bringen können. Stichworte dazu sind vielfältige Fruchtfolge, Dauerbegrünung, reduzierte Bodenbearbeitung oder tiefwurzelnde Pflanzen. Kann die Landwirtschaft durch Humusaufbau den Boden vermehrt als CO2-Speicher nutzen, betreibt sie auch Klimaschutz.

Dafür erhalten die Bauern Geld?

Ja, die positive Entwicklung des Humusgehalts soll entschädigt werden. Das könnte mittels Klimazertifikaten erfolgen.