«Die ‹föif schönschte Dääg›»

Wohl gehört auch in Bubendorf und Gelterkinden ein Umzug zum alljährlichen Fasnachtsprogramm. Doch im Oberbaselbiet blickt alles nach Sissach, wenn sich am Sonntag an die 100 Formationen von der Fluh her kommend durch die Begegnungszone und danach dem Bahnhof entlang wieder zurück zur «Sonne»-Kreuzung bewegen. Runde zwei Stunden lang dauert dieser Auftakt zur Fasnacht, die im Gegensatz zu Basel nicht drei, sondern fünf Tage in Anspruch nimmt.

Schuld daran ist das Chluri, die Gestalt, die am Donnerstagabend begleitet von einer Trauerrede und dem Wehklagen der weiss gewandeten Fasnächtler auf der Allmend in Flammen aufgeht. Das Chluri, das immer eine Sissacher Persönlichkeit darstellt, liefert der diesjährigen Fasnacht auch das Sujet, nachdem sein Auftritt am Unspunnenfest kurzfristig abgeblasen werden musste: Mit über sieben Metern war es zu hoch, und es am Ende erst noch zu verbrennen, war den Veranstaltern zu heiss. Und nun muss auch noch der Schopf, in welchem das Chluri von unbekannter Hand gezimmert wird, einem Schulneubau weichen.

Die Fasnacht in Sissech, wie sich die Gemeinde in diesen Tagen schreibt, hat noch andere Spezialitäten vorzuweisen. Der «Glöggeliwagä» der Fasnachtsgesellschaft und sein Bruder, der «Gurlifiengger» der «Volksstimme», halten die praktisch ausgestorbene Tradition der Fasnachtszeitungen aufrecht – auf bemerkenswertem Niveau. Das gilt auch für einzelne Schnitzelbank-Formationen, die alle einen Zunzgen-Vers im Handgepäck mitführen.

Wie in Liestal und Basel müssen sich auch die Sissacher mit einem rasanten Wandel auseinandersetzen. Die Guggen und Wagen nehmen überhand, die Cliquen haben es schwer, sich zu behaupten. Ausgerechnet die Wagenformation, die jedes Jahr mit dem spektakulärsten Gefährt um die Kurven zirkelt, nimmt es mit der Larvenpflicht nicht sehr genau, und abends verwandeln sich die Wagen in Bars, in denen nicht die Waggisse für Stimmung besorgt sind, sondern irgendwelche Lautsprecher, aus denen wie an einer winterlichen «Street Parade» Schlager dröhnen. Dann ist Sissach der Ostschweiz näher als dem puristischen Basel.

Am Dienstagabend geben die Guggen in Sissach den Ton an. Die Cliquen haben letztes Mal die Konsequenzen gezogen und in Anlehnung an die Seidenband-Tradition die «Wäbere» ins Leben gerufen, eine Indoor-Veranstaltung für die Fasnacht der leiseren, besinnlicheren Töne. (Jürg Gohl)

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«Der Fasnachts-Geist lebt noch auf dem Land»

Im oberen Kantonsteil sind die Fasnachtstraditionen lebendig und wohlauf. Eine Tradition zu leben bedeutet nicht, dass man sie genauso konserviert, wie sie immer schon in Erscheinung trat. Sondern dass man ihren Geist, wo es sich anbietet, in neuen Formen weiterführt. Kritiker mahnen, dass die Fasnacht zu einer riesigen Party verkommt, in der die traditionellen Ausdrucksformen wie Umzüge nur noch «Störfaktoren» sind.

Diese Ansicht ist legitim. Fest steht aber: Zumindest im Oberbaselbiet haben die Fasnachtsbegeisterten immer schon gern Party gemacht. Man denke nur an das Hoochi-Goochi in Buus oder den Maskenball in Tecknau, die seit Jahren florieren. Es muss kein «Entweder-oder», es kann auch ein Nebeneinander von beidem sein. Nach der Strassenfasnacht in den Dörfern geht man in die Beizen, in die Cliquenkeller oder auch weiter weg, nach Basel, um weiterzufeiern. In Bubendorf bestehen die wilde Guggen-Party («Schränz-on») und der gepflegte Tambouren- und Pfeiferanlass mit Rahmenstücken («s’Konfetti») seit Jahren nebeneinander.

Der Übergang von Fasnachtskultur zu Party ist fliessend. Beats statt Trommelschläge auf den Dorfplätzen ist Normalität geworden. Auf der anderen Seite gibt es zahlreiche Junge, die das ganze Jahr lang Stunden ihrer Freizeit opfern, um an der Fasnacht mit Kostüm und Larve dabei sein zu dürfen. Die Umzüge in Gelterkinden, Sissach und Frenkendorf sind gross wie eh und je.

Deutet ein Trend in Richtung «mehr Party», dann gibt es auch einen anderen Trend in Richtung Spezialisierung. In den letzten Jahren sind neue Veranstaltungen aufgekommen, etwa der «Obestreich» oder das «Rahmdäfeli» in Liestal, die das Fasnachtsthema auf zeitgemässe Art interpretieren. Organisatoren leisten jedes Jahr einen Effort, um die Fasnacht zu erweitern oder Vergessenes wiederzubeleben. Beispielsweise in Waldenburg: Nach dem Umzug in Oberdorf ging man früher in die Beizen und später, als diese immer weniger wurden, in die Turnhalle in Waldenburg. Nach einem Auf und Ab in den letzten Jahren machen nun engagierte Leute den Festbetrieb in der Turnhalle wieder möglich.

Lehrpersonen und Eltern bemühen sich, dass die Schul- und Kinderfasnachten beibehalten werden, notfalls mit einer Fusion, um die Kräfte zu bündeln. Schnitzelbänkler finden auch heute noch genug Zuhörer, dass sich eine Tour durch mehrere Oberbaselbieter Dörfer lohnt. Ein neuer Trend sind die Fasnachtsgottesdienste, die allerorts aus dem Boden springen. Der Fasnachts-Geist lebt also noch, zumindest auf dem Land. (Marc Schaffner)