Noch hat sich Elisabeth Schneider-Schneiter nicht entschieden. «Ich möchte damit bis zum letztmöglichen Moment zuwarten und die Zeit nutzen, um die Situation zu analysieren», sagte die Baselbieter CVP-Nationalrätin gestern Abend auf Anfrage. Morgen Donnerstag wird Schneider-Schneiter am Parteitag «ihrer» CVP verraten, ob sie als Kandidatin für die Nachfolge von Doris Leuthard zur Verfügung steht. Schneiders Zuwarten kann teilweise mit dem Störmanöver rechtsbürgerlicher CVPler erklärt werden: Diese haben hinter den Kulissen – vergeblich – versucht, CVP-Finanzdirektor Anton Lauber von einer Bundesratskandidatur zu überzeugen. Zudem ändert sich auf nationaler Ebene die Ausgangslage weiterer Kandidaturen derzeit täglich. Vor dem entscheidenden CVP-Parteitag analysiert die bz das Für und Wider einer Bundesratskandidatur Schneiders.

Für eine Kandidatur spricht:

Elisabeth Schneider politisiert seit Ende 2010 im Nationalrat, kennt Betrieb und Abläufe in Bundesbern also aus dem Effeff. Aktuell präsidiert sie die Aussenpolitische Kommission des Nationalrates. Das verleiht ihr zusätzliches Renommee. Als Mitglied im nationalen Parteipräsidium ist sie CVP-intern gut verankert. Mit 54 ist die Juristin im besten Politiker-Alter. Ohne Zweifel hat sie das Rüstzeug für eine Bundesrätin. Die Biel-Benkemerin ist die geborene Netzwerkerin, geniesst den Ruf einer offenen und gewinnenden Brückenbauerin. Wohl auch deshalb wurde sie vor anderthalb Jahren zur Präsidentin der Handelskammer beider Basel ernannt. Schneider ist die Verkörperung der politischen Mitte und des gutschweizerischen Kompromisses. Es gibt kaum eine Politikerin unter der Bundeshauskuppel, die mehr Abstimmungen gewinnt.

Zwar zählte Schneider in Bern bislang nicht zu den heiss gehandelten Papabili für die Leuthard-Nachfolge. Die Chancen, es auf ein Ticket der CVP-Bundeshausfraktion zu schaffen, sind zuletzt aber gestiegen: Die anfänglich aussichtsreichste weibliche CVP-Kandidatin, die Walliser Nationalrätin Viola Amherd, ist in ihrem Heimatkanton in einen Rechtsstreit verwickelt, der medial hohe Wellen schlägt. Ausgang unklar. Gestern hat sich mit der Aargauer Nationalrätin Ruth Humbel eine parteiinterne Konkurrentin aus dem Rennen genommen. Das klare «Ja, ich will» des Zuger Ständerats Peter Hegglin hat die Chancen Schneiders weiter erhöht, es zumindest auf ein Zweierticket zu schaffen. Portiert die CVP etwa Hegglin (oder alternativ den interessierten Obwaldner Ständerat Erich Ettlin), dann käme als zweite Nomination wohl nur eine Frau von ausserhalb der Innerschweiz infrage. In dieser Konstellation hätte Schneider sehr gute Karten.

Eine Kandidatur Schneiders wäre eine gute Gelegenheit, die Region Basel und ihre Anliegen in Bern mal wieder ins Gespräch zu bringen. Aufschlussreich: National ist viel vom Anspruch der Ost- und Innerschweiz auf einen Sitz in der Landesregierung die Rede. Von der Region Basel, die seit Otto Stich (1984–1995) keinen Bundesrat mehr stellen durfte, spricht kaum jemand. Schneider würde den Anspruch der Region ideal vertreten: als gebürtige Baslerin, die in der Agglomeration lebt, als Präsidentin der einflussreichen bikantonalen Handelskammer und ehemalige Präsidentin der «Starken Region». Eine Bundesratskandidatur Schneiders wäre keine reine Baselbieter Angelegenheit, sondern eine der Nordwestschweiz nördlich des Juras.

Gegen eine Kandidatur spricht:

Schneider war vor ihrer Zeit in Bundesbern Landrätin (von 1999 bis 2010), davon drei Jahre CVP-Fraktionschefin sowie 2006/2007 Landratspräsidentin. Sie verfügt allerdings nicht über Exekutiverfahrung. Dies im Gegensatz etwa zu Peter Hegglin, der zahlreiche Funktionen auf Gemeinde-, Kantons- und nationaler Ebene bekleidet hat. Zudem gilt Schneider nicht als entscheidungsfreudig. Das beweist aktuell wieder ihr Zögern bei der Bundesratskandidatur.
Im Namedropping nationaler Medien taucht Elisabeth Schneider vergleichsweise selten auf. Das kommt nicht von ungefähr: Ihr tatsächlicher Einfluss im Parlament ist nicht so gross, wie man aufgrund ihrer Ämter vermuten könnte. In diesem Punkt ist sie etwa gegenüber Vizefraktionschefin Viola Amherd im Nachteil. Aufgrund ihrer Herkunft und der parteiinternen Konstellation verfügt Schneider zudem nicht über eine ausgeprägte Hausmacht. Nachteilig ist in diesem Zusammenhang, dass mit dem Solothurner Pirmin Bischof ausgerechnet ein guter Kollege Schneiders aus derselben Region Interesse an einer Bundesratskandidatur zeigt.

Schneider hat Gegner in den eigenen Reihen. Das Störmanöver konservativer CVPler für eine allfällige Kandidatur von Regierungsrat Lauber war da bloss eine weitere Episode. Das ist an sich nicht ungewöhnlich: Auch in der Affäre, in die derzeit Viola Amherd verwickelt ist, werden deren grösste Feinde bei der CVP selber vermutet. Nach dem Motto: Feind, Todfeind, Parteifreund. Speziell bei Elisabeth Schneider kommt aber hinzu: Spätestens seit ihrem Einsatz für die Fusion beider Basel 2014 ist sie bei einigen Rechtsbürgerlichen im Baselbiet geradezu verhasst. Das stellt für ihre nationalen Ambitionen zwar nicht zwingend eine riesige Hypothek dar. Allerdings würde es umgekehrt gewiss nicht schaden, würde eine Bundesratskandidatur Schneiders von einer überparteilichen Sympathie-Welle aus der Region getragen.

Mitarbeit: Daniel Ballmer