Die hohen Temperaturen des vergangenen Wochenendes machten Lust auf Sommer. Und wie. Erste Schwimmer trauten sich bereits in den Rhein, die Badis waren zum Bersten voll. Wer sich im Schwimmbad Arlesheim den Magen mit einer Glace abkühlen wollte, wurde enttäuscht — das Gefrorene war nämlich restlos ausverkauft. Tatsächlich gibt es die Badekultur, wie wir sie heute kennen, aber noch gar nicht so lange. In der Ausstellung «Badenixen und Strandburschen» zeigt das Museum.BL mit historischer Bademode der Liestaler Firma Hanro die Anfänge des Badi-Booms in den 1930er-Jahren.

Textiltechnologische Revolution

Die 30er sind eine bewegte Zeit. Der Börsencrash hat die Wirtschaft weltweit in eine Krise gestürzt. An den Schweizer Grenzen brodelt es: Der Krieg steht vor der Tür. Weshalb also fängt eine Liestaler Firma gerade jetzt an, Bademode zu produzieren? «Der anstrengende Arbeitsalltag in industriellen Grossstädten brachte eine Art gesellschaftliche Gegenbewegung mit sich», sagt Kuratorin Madeleine Girard. Man achtet auf die eigene Gesundheit, treibt viel Sport und geht raus an die frische Luft. Schwimmen und Sonnenbaden werden zur beliebten Freizeitbeschäftigung. Der körperbewusste Mensch wünscht sich andere Kleidungsstücke — und Hanro kommt diesem Wunsch nach.

Frauen sollen sich nicht länger einem unbequemen Modediktat unterwerfen, sondern frei bewegen können. Die Lösung: Der Strandpyjama. Eine Kombination aus weiter Hose und knappem Oberteil, den Frau beim Sonnen und Flanieren, aber auch im Ausgang trägt. Auch die neuen körperbetonten, zweiteiligen Badekleider — heute: Bikinis — sorgen für Furore. Kein Wunder, hat man doch bis anhin zum Schwimmen immer reine Wolltrikots angehabt, die sich bis ins Unendliche deformierten, sobald man sich aus dem kühlen Nass herauswagte.

Die neue Hanro-Bademode ist da klar im Vorteil. Denn der von der Firma entwickelte Stoff ist elastisch. Dank eingestrickter Gummifäden sind die Badekleider bequem zu tragen und behalten auch im nassen Zustand ihre Form. Die Gummifäden bestellt Hanro bei der Pneufirma Pirelli in Mailand. Bei seinen Modellen setzt das Unternehmen auf gute Qualität. Und die ist teuer. Ein Hanro-Bikini kostet etwa 17 Franken. Zum Vergleich: Ein Basler Handwerker verdient in den 30er-Jahren rund 100 Franken im Monat.

Hanro als Inspirationsquelle

«Ausserdem veranlasste der Kanton in den 30er-Jahren als Arbeitsbeschaffungsmassnahme den Bau mehrerer Schwimmbäder», sagt Museumsleiter Marc Limat. So entstehen etwa das Gitterli in Liestal und das Basler Rialto — perfekte Kulissen für die Werbeshootings der Hanro-Teile.

Von den historischen Fotos und den ausgestellten Hanro-Modellen liess sich die Zürcher Modedesignerin Nathalie Schweizer inspirieren. Mit ihrer Kollektion «Madeleine», die ebenfalls in der Ausstellung gezeigt wird, lässt Schweizer die 1930er-Jahre wieder aufleben — eine Hommage an die einstige Hanro-Designerin Madeleine Kriesemer-Handschin.

Schon zehn Jahre nachdem die Firma ihre erste Bademoden-Kollektion präsentiert hatte, wurde die Produktion der Teile wieder eingestellt. Der Grund dafür war nicht etwa eine fehlende Nachfrage, sondern die Rationierung von Wolle. Badebekleidung war ein Luxusprodukt. Das wertvolle Material dafür wollte man zum Kriegsende hin nicht verschwenden.

   

Vernissage «Badenixen und Strandburschen», Freitag 18 Uhr, Museum.BL Liestal: mehr Infos unter: www.museum.bl.ch