Heidi Müller ist verwirrt und schwach. Alleine wohnen geht nicht mehr. Deshalb bekommt sie einen Platz im Pflegeheim. Nach ein paar Monaten mit der richtigen Pflege, Betreuung und regelmässigen, ausgewogenen Mahlzeiten geht es ihr wieder gut. Sie käme wieder alleine klar.

Ihre Wohnung aber ist bereits verkauft, um die Kosten fürs Heim zahlen zu können. Die Heidi Müller, um die es hier geht, ist erfunden, ihre ist es Geschichte nicht. Immer wieder werden ältere Menschen im Heim untergebracht, obwohl sie nur vorübergehend Hilfe gebraucht hätten. Darunter leiden nicht nur die Betroffenen selbst, sondern es entstehen auch unnötige Kosten für die Allgemeinheit. Denn ein Heimaufenthalt ist um ein Vielfaches teurer als die ambulante Pflege zu Hause. 

«Wir sehen immer wieder solche Fälle», sagt Peter Kury, Geschäftsleiter der Spitex Allschwil Binningen Schönenbuch (ABS). Deshalb entwickelte die Spitex in Zusammenarbeit mit dem Verein Pflegewohnungen Binningen, der als Ergänzung zum traditionellen Heim Pflege und Betreuung in herkömmlichen Mietwohnungen anbietet, ein schweizweit einzigartiges Projekt unter dem Titel «Wenn es zu Hause vorübergehend nicht mehr geht – Intermediäre Strukturen». In dessen Rahmen wurde eine Wohnung angemietet, in welcher bis zu vier ältere Menschen vorübergehend betreut wohnen können, wenn es im eigenen Zuhause nicht mehr möglich ist.

Rückkehr als grosses Ziel

Ziel ist es, die rund drei Monate, in denen die Betagten in der Pflegewohnung leben, zu nutzen, um ihnen eine Rückkehr ins vertraute Daheim zu ermöglichen. «Das kann von Anpassung am Zuhause der Personen über das Schaffen von sozialen Strukturen bis zu gesundheitlichen oder psychologischen Massnahmen alles sein», erklärt Susanna Probst, Betriebsleiterin beim Verein Pflegewohnungen Binningen. Die Kosten für die vorübergehende Unterbringung in einer eigens dafür angemieteten Wohnung sind bewusst tief gehalten. 35 Franken zahlen Betagte am Tag für Wohnen, Essen und individuelle Betreuung. So kann verhindert werden, dass sie ihre eigene Wohnung verkaufen müssen, um die Kosten zu decken.

Betreuung und Pflege der Bewohner decken der ambulante Anbieter Spitex ABS und der stationäre Anbieter Verein Pflegewohnungen zusammen ab. «Wir müssen Verbindungen zwischen ambulanten und stationären Angeboten schaffen und als Leistungserbringer lernen, zusammenzuarbeiten», ist Probst überzeugt. Solche intermediären Strukturen möchte man auch beim Kanton Baselland vermehrt schaffen. In diesem Bereich würden Lücken und Optimierungspotenzial bestehen, sagt Gabriele Marty, Leiterin des Bereichs Alter in der Baselbieter Volkswirtschafts- und Gesundheitsdirektion. «Während klassische ambulante und stationäre Pflegeangebote etabliert sind, gibt es im Bereich der Kurzzeitaufenthalte, der Tages- und Nachtstätten und beim betreuten Wohnen noch Angebotslücken. Das von der Spitex ABS initiierte Projekt hat das Potenzial, eine solche Lücke zu schliessen.»

Zweijähriges Pilotprojekt

Das intermediäre Projekt passe zudem gut zur Stossrichtung des neuen Baselbieter Alters- und Pflegegesetzes, das voraussichtlich am 1. Januar in Kraft treten wird, sagt Marty. Mit diesem soll unter anderem die Anschubfinanzierung für Altersheime durch Anschubfinanzierungen für innovative Projekte, gerade im intermediären Bereich, ersetzt werden. Gut möglich also, dass das Angebot aus Binningen vom Kanton finanziell unterstützt wird. Aus dem Baselbieter Swisslos-Fonds hat es bereits 50'000 Franken erhalten. Zudem unterstützt die Age-Stiftung für Wohnen und Älterwerden das rund 674'000 Franken teure

Projekt mit 270'000 Franken.

Da das diesen Monat angelaufene Angebot völlig neuartig ist, wurde es als zweijähriges Pilotprojekt konzipiert. Die Fachhochschule Nordwestschweiz wird es eng begleiten und laufend auswerten. «Wenn sich herausstellen sollte, dass das Konzept noch fehlerhaft ist, können wir es jederzeit anpassen», sagt Kury. Auch der Kanton schaut gespannt auf die Resultate der Fachhochschule, um den Nutzen und die allfällige Übertragbarkeit auf andere Gemeinden aufzuzeigen. An diesem hat Kury keinen Zweifel: «Wir sind überzeugt, dass dieses Projekt einen grossen Nutzen für Betagte, aber auch für die öffentliche Hand haben wird.