Anfang 1919 begann in der Walzwerk Münchenstein A.-G. die Produktion – und zwar von Beginn weg auf Hochtouren. Damit startete eine Ära, die inzwischen den meisten Zeitgenossen unbekannt sein dürfte. Das zeigen die Sätze in einem Brief, den der Bauleiter zum Produktionsstart an seine Vorgesetzten schrieb: «Giessereiwerkzeuge und Kokillen liegen in der Giesserei bereit. Bei Ofen III. ist der Hohlrast eingesetzt + an die Wasserleitung angeschlossen. Die Generatortüre eingesetzt. Bayard besorgt seit gestern das Anheizen.»

Die Münchensteiner Labor- und Fabrikanlage gehörte zur Gebrüder Giulini GmbH in Ludwigshafen. Das Familienunternehmen hatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein internationales Firmennetz aufgebaut, das den kompletten Prozess der Aluminiumherstellung abdeckte. Es hatte sich Rohstoffquellen erschlossen und baute Aluminiumhütten und Walzwerke auf. So wurde die Firma zum weltweit wichtigsten Produzenten von Aluminiumoxid (französisch «alumine»), was dem Inhaber Georg Giulini den Titel «Le Roi d’Alumine» einbrachte.

Den Vertrieb von Rohbarren und Halbzeug übernahmen eigene Subunternehmen. Firmeninterne Laboratorien brachten Patente hervor, die für zusätzliche Einnahmen sorgten. Die Nachfrage nach dem leichten Metall Aluminium war seit der Jahrhundertwende gestiegen. Nach dem Ersten Weltkrieg gab es in der Schweiz vier Hersteller von Aluminium-Halbfabrikaten, also Press- und Walzprodukten.

5000-Tonnen-Presse

Einer dieser Hersteller war die Walzwerk Münchenstein A.-G. Bereits 1917 hatte die Gebrüder Giulini GmbH das Areal im Gstad in Münchenstein, an der Gemeindegrenze zu Arlesheim, gekauft. Als ideale Grundvoraussetzungen erwiesen sich dabei einerseits die Nähe zur Elektra Birseck Münchenstein, da der Betrieb viel Strom brauchte. Andererseits profitierte die Produktion von der SBB-Linie unmittelbar nebenan. Der Betrieb war als eigentlicher Forschungsbetrieb gedacht – mit dem Ziel, Know-how für eine Grossanlage in Deutschland zu erarbeiten.

Aus diesem Traum Giulinis wurde jedoch nichts. Immerhin brachte das Walzwerk in Münchenstein 1921 die in zwei Dutzend Ländern patentierte Legierung «Aldur» hervor. Das ist eine Verbindung aus Aluminium, Silizium und Magnesium, die dank ihrer Härte, Reissfestigkeit und Korrosionsbeständigkeit für Freileitungen und im Flugzeugbau verwendet wurde. Bereits 1919 wurde in Münchenstein die erste 1000-Tonnen-Strangpresse der Schweiz in Betrieb genommen. Neben Profilen, Stangen, Rohren, Bändern und Drähten wurden Butzen für die Tuben- und Hülsenfabrikation hergestellt.

Die Fabrikanlage wurde sukzessive ausgebaut und 1934 in «Aluminium Press- und Walzwerk Münchenstein AG» umbenannt. Georg Giulini trat 1952 mit 93 Jahren zurück. Tochter Elena Herr-Giulini führte den Konzern über 30 Jahre lang bis zu ihrem Tod.

Die neuen Werksanlagen der 50er- und 60er-Jahre erstreckten sich bis auf Arlesheimer Boden. Damals gehörte das Werk mit einer hydraulischen 5000-Tonnen-Strang- und Rohrpresse zu den modernsten Aluminiumverarbeitern überhaupt. Rund um die Uhr wurde produziert. Bis zu 600 Angestellte arbeiteten im Betrieb. Für einige von ihnen wurden am Rand des Fabrikgeländes fünf Wohnhäuser errichtet. Als letzter Industriebau wurde 1974 die Speditionshalle mit Parkdeck auf dem Dach errichtet.

Die Jahrzehnte des Erfolgs dauerten bis Anfang der 1990er-Jahre, als der internationale Aluminiummarkt einbrach. Das brachte Kurzzeitarbeit und mehrere Entlassungswellen. Wegen mangelnder Liquidität war 1999 der Konkurs unausweichlich. Der Nachlassverwalter fragte 2003 die Kantensprung Verwaltung GmbH an, ob diese auf dem Walzwerk etwas entwickeln könne, wie sie das bereits auf dem Gundeldinger Feld in Basel getan hatte – die Umwidmung eines Industrieareals zu einem Ort, wo Kleinunternehmen ihre Ideen verwirklichen können.

Lidl hatte keine Chance

Die Sefer Foundation, die das Areal 2004 für zwölf Millionen Franken erwarb, liess der Kantensprung freie Hand. Es musste nur eine gewisse Rendite herausschauen. Ab 2004 siedelten sich Dutzende von kleinen Unternehmen in den alten Industriebauten an, vom Architekten über den Schlüsselservice, Kunsthandwerker, NGO und Sanitärinstallateur bis hin zu einem Meditationsraum und einem Restaurationsbetrieb. Umgebaut wurde nur sanft, der Industriecharakter bleibt unübersehbar und ist Teil des Charmes des Areals.

Die vielfältige Mieterschaft schaffte bald ein Biotop, das mehr war als eine Ansammlung verschiedener Nutzungen. Diesen eigenständigen Charakter anerkannte bald auch die Politik. Ideen für Abriss und Neubauten, etwa des Grossverteilers Lidl, hatten letztlich keine Chance. Und auch nach dem Verkauf des Areals 2017 ist das Walzwerk ein lebendiger Ort für Kultur und Kleingewerbe, der weit über die Gemeindegrenzen hinweg ausstrahlt.