Rolf Ackermann ist auf Unterschriftenjagd. Bewaffnet mit Klemmbrett, Stift und Unterschriftenbogen steht der Präsident der Prattler Unabhängigen bei der Tramhaltestelle Gempenstrasse und haut Passanten an. «Entschuldigung, darf ich Sie kurz stören?», fragt der 74-Jährige jeweils. Schon dutzende Male hat Ackermann bei solchen Aktionen mitgemacht. Jahrzehntelang politisierte der pensionierte Chemielaborant beim LdU, dem mittlerweile aufgelösten Landesring der Unabhängigen.

Doch noch nie habe er diesen Goodwill gespürt, sagt Ackermann. Bei allen Versuchen hat er Erfolg an diesem frühlingshaften Freitagvormittag: Die Angesprochenen sind gerne bereit, die Petition zur Pannenfirma Rohner AG zu unterschreiben. Viele fragen sogar nach, ob sie gleich einen Unterschriftenbogen mitnehmen dürfen. Eine Frau, zwei Kinder im Schlepptau, ruft Ackermann hinterher: «Gut, dass ihr was macht. So kanns ja wirklich nicht weitergehen!»

So kanns nicht weitergehen – genau das dachten sich Anfang März die Prattler Unabhängigen, die kantonal zu den Grünen gehören. Bei der Rohner AG, oder Rohner Chem, wie sie seit einigen Jahren heisst, gab es eine Panne, wieder einmal. Verschmutzte Abwässer flossen ins Grundwasser. Das Trinkwasser sei nicht gefährdet, liessen die kantonalen Behörden verlauten. Aber für Ackermann und seine Mitstreiter ist klar: Der Chemiefirma muss auf die Finger geklopft werden.

Die Petition mit dem Titel «Schutz der Prattler Bevölkerung und der Umwelt vor Chemieunfällen» ist an Landrat und Regierungsrat gerichtet. Die Unterschreibenden fordern, das bei der Firma «sorgfältig und gesetzeskonform aufgeräumt wird.» Die Behörden hätten viel zu lange Geduld gezeigt. Wenn jedoch die Sicherheit nicht gewährleistet werden könne, sei die Firma zu schliessen. «Uns reichts!»

«Wenn’s nümm stinkt ...»

Von ein bisschen Gestank lässt sich in Pratteln niemand aus der Ruhe bringen. Die Gemeinde ist mit der Industrie gross geworden. Man war stolz auf die rauchenden Schornsteine und die ansässigen Firmen mit klingenden Namen: Sandoz, Persil, Schindler, Firestone, Schenectady – und Rohner. Antreiber der Industrialisierung war die Eisenbahn. Das frühere Bauerndorf wurde mit der Eröffnung der Hauensteinlinie Basel – Olten 1858 zum Eisenbahn-Knotenpunkt.

1875 folgte die Bözberglinie, die Pratteln mit Aarau und Zürich verband. Erster Exportschlager Prattelns: Salz. Per Bahn wurde es ab 1870 in die übrige Schweiz gekarrt. Danach kamen die Fabriken. Die erste war die Säurefabrik im Gebiet Schweizerhalle, bald darauf gesellten sich die Farben- und Tintenfabrik Dr. Finck sowie eine Düngerfabrik hinzu – dutzende sollten folgen.

«Wenn’s z Prattele nümm stinkt, denn stinkts», habe man früher gesagt, weiss zumindest die Prattler Heimatkunde aus dem Jahr 2003. 1982 stinkte es nicht – damals brannte es bei Rohner. Es war der Freitagabend, 20. August. Um 20.50 Uhr brach in einem Lagerraum ein Feuer aus. 200 Feuerwehrmänner versuchten, den Flammen Herr zu werden, doch das Löschwasser verband sich mit dem gelagerten Phosphortrichlorid zu Salzsäuergas. Eine giftige Wolke zog über die Häuser, die Anwohner wurden von Polizeipatrouillen per Lautsprecher aufgefordert, Fenster und Türen zu schliessen. Später liess der Baselbieter Kantonschemiker verlauten, die Situation sei «nie kritisch» gewesen.

Anders hat das Anwohnerin Linda Zülli in Erinnerung. Sie wohnt in Sichtweite zum neunstöckigen Rohner-Produktionsgebäude. 1973 zog sie in das Reihen-Einfamilienhaus an der Gempenstrasse ein. «Meine Kinder hielten sich an jenem Abend draussen auf, gleich bei Rohner. Als sie nach Hause kamen, hatten sich Löcher in ihre Pullover eingebrannt, auch der Lack ihrer Töfflis war verfleckt. Das war die Salzsäure. Zum Glück hatten ihre Hände und Gesichter nichts abgekriegt.»

Vor drei Jahren wurde Linda Zülli wieder aufgeschreckt. Im Februar 2016 kam es bei Rohner zu einer Explosion, zwei Mitarbeiter wurden verletzt. Teile der Fassade flogen bis auf die Bahngeleise der Strecke Basel – Olten. «Uns haben früher aber vor allem die Gerüche gestört», sagt Zülli. Ihr Ehemann habe einmal als Vertreter der Politik an einer Sitzung mit dem damaligen Firmenchef teilgenommen. Der habe zum Gestank nur lapidar angemerkt: «Solange man am Haus der Züllis vorbeigeht und es fein nach frisch gebackener Wähe duftet, solange ist das mit den Gerüchen doch kein Problem!»

Arbeiter waren solidarisch

Die Solidarität mit Rohner sei früher riesig gewesen, sagt Stephan Ackermann. Der Grünen-Landrat ist Sohn von Rolf Ackermann und begleitet seinen Vater an diesem Vormittag bei der Unterschriftensammlung. Beide wohnen zwar nicht im Quartier, doch auch an ihren Wohnorten würde man Gerüche wahrnehmen, sagt Stephan Ackermann. «Hier im Hexmatt-Quartier wohnten früher viele Rohner-Angestellte. Man war froh um seine Stelle, liess darum auch vieles durchgehen.» Das Ansehen der Firma sei jedoch gesunken, die meisten Angestellten kämen heute von auswärts.

Rolf Ackermann erinnert sich an die Anwohner-Zmorgen. «Einmal im Jahr wurden die Quartierbewohner in die Betriebskantine eingeladen. Doch den Anlass gibts schon lang nicht mehr.»

Schlechte Zahlungsmoral

Was aber auch Stephan Ackermann eingestehen muss: Rohner war zuerst da. Das Quartier Hexmatt wuchs erst in den Jahren danach. Ein Teil der Häuser sind Arbeiterhäuschen von Firestone. Die Reifenfabrik in Pratteln schloss 1978. Die Rohner AG war das erste Chemie-Unternehmen, das an den Prattler Bahnhof zog. Gründer Joseph Rohner begann 1906 mit sechs Angestellten, Ameisensäure herzustellen.

Bald wurde es dem Betrieb zu eng. Die Produktion zügelte 1911 ein paar hundert Meter weiter, an den heutigen Standort westlich des Bahnhofs, im Geviert Baslerstrasse – Gempenstrasse. Ab 1920 spezialisierte sich Rohner auf die Produktion von Farbstoffen, später auch Kupferdruckfarben. Bald folgten chemische Zwischenprodukte.

Über Jahrzehnte befand sich die Rohner AG in Familienbesitz. Ciba-Geigy beteiligte sich in den 1980er-Jahren mit 45 Prozent, 1990 übernahm die neue Besitzerin alle Aktien. Es handelte sich um die Dynamit Nobel. Neben den Unfällen und Havarien ist die Rohner Chem in den vergangenen Jahren vor allem wegen Liquiditätsproblemen in die Schlagzeilen geraten. So würden die Angestellten immer wieder auf ihre Löhne warten. Auch bei der Werksfeuerwehr gibt es Probleme.

Die Gemeinde wählte nach Bekanntwerden des Lecks bei Rohner Anfang März ungewohnt scharfe Worte. Sogar eine temporäre Einstellung des Betriebs wurde gefordert. Daran hält Stephan Burgunder (FDP) fest. Der Prattler Gemeindepräsident weiss um die Situation der Anwohner. Seine Mutter wohnt im Hexmattquartier. Vom Fenster aus kann sie das Produktionsgebäude sehen. «Wir verlangen vom Kanton weiterhin die Prüfung einer Schliessung, bis die Sicherheit der Angestellten, aber auch der Anwohner gewährleistet ist», sagt Burgunder zur «Schweiz am Wochenende». Ihm sei jedoch bewusst, dass der Kanton eine solch schwerwiegende Massnahme nicht leichtfertig beschliessen könne.

Burgunder wird das Thema auch am Montag beschäftigen. Dann tagt der Prattler Einwohnerrat. Drei dringliche Vorstösse sind angekündigt, die sich um Rohner und die Sicherheit drehen.

Sorge um die Jobs

Die Unterschriftensammler der Unabhängigen stehen jetzt bei der Kreuzung Baslerstrasse – Gempenstrasse. Ein Passant will nicht unterschreiben. «Hier stehen auch 140 Jobs auf dem Spiel», sagt er. «Ersetzt die zuerst, dann sehen wir weiter.»

Nach einem längeren Gespräch entscheidet er sich um. «Ihr habt ja Recht. Man sollte schon Druck machen.» Sagts, nimmt den Bogen und unterschreibt.