Den Lebensabend unter Palmen im Luxus-Altersheim mit herzlicher 24-Stunden-Betreuung verbringen – und das für relativ wenig Geld. Das ist in einfachen Worten das Konzept, das der Liestaler Unternehmer Roger Holzer mit einer Gruppe privater Investoren im Vivobene Village im Ort Doi Saket vor den Toren der 200'000-Einwohner-Stadt Chiang Mai verfolgt. Seit Juni 2014 steht das grösste Altersheim in Thailand unter Schweizer Führung offen.

Trotz der auf den ersten Blick bestechenden Idee war das Pflegeressort nicht auf Anhieb ein Erfolg. Als wir dieses im Sommer 2015 erstmals besuchten, herrschte auf der fünf Fussballfelder grossen, parkähnlichen Anlage mit den 72 Wohnungen in sechs Pavillons eine beinahe gespenstische Ruhe. Bloss einzelne Langzeitgäste liessen sich im Heim pflegen, viele Mitarbeitende waren offensichtlich unterbeschäftigt. 

Nicht mehr nur Demenzkranke

Doch mittlerweile ist vieles anders, wie ein erneuter Augenschein zeigt: «Wir haben im Dezember das erste Mal Gewinn erwirtschaftet», sagt Investor Holzer. Zwar hätten sich in den vergangenen Jahren aus den Betriebsdefiziten Schulden angehäuft, doch der Turnaround sei geschafft, ist er überzeugt. Aktuell leben 25 Domizilkunden permanent im Heim. Da einige Gäste mehr als eine Wohnung beanspruchen, entspricht dies einer Belegungsquote von fast 50 Prozent. Immer mehr wird das Village auch von Touristen aufgesucht. Auf der luxuriösen Anlage inmitten von Reisfeldern und in der Nähe eines Waldklosters kann man auch als Hotelgast ein paar Tage abschalten.

Um in die Erfolgsspur zu finden, musste Holzer allerdings von zwei Ideen Abschied nehmen: Erstens versteht sich das Heim anders als bei der Eröffnung nicht mehr als reines Demenzzentrum. Der Trend geht Richtung Altersresort: Erst vor kurzem sind zwei alleinstehende Pensionäre eingezogen, die nicht auf Pflege angewiesen sind. Und zweitens wurde die Fokussierung auf den Schweizer Markt fallen gelassen.

Heute leben dort Gäste aus Deutschland, Frankreich, England, den USA, Australien und Bangladesch. Mit 60 Prozent sind aber noch immer eine Mehrheit Schweizer – und das soll auch so bleiben. Roger Holzer hält den «Swiss Touch» des Ressorts für einen grossen Pluspunkt. Dies, obwohl es sich ein Schweizer Rentner fünf Mal überlege, ob er in ein Heim in Thailand eintreten wolle. «Im Vergleich dazu ist schon der Deutsche ein spontaner Mensch», sagt Holzer nur halb ironisch.

Regenerative Therapien

Ein Schweizer Gast ist seit vergangenem Herbst Mario Polla. Der 74-jährige Berner leidet unter Parkinson und ist seit einer schweren Rückenoperation auf Pflege angewiesen. Der ehemalige Elektroingenieur hat sich den Entscheid für Thailand nicht leicht gemacht – schliesslich bedeutete dieser, dass er sein Einfamilienhaus in Zollikofen wohl nie mehr sehen wird. «Doch die Umgebung hier ist sehr schön und die Pflegenden sind liebenswürdig», sagt er. Polla unterzieht sich im nahen Bangkok Hospital, einem der führenden Privatspitäler Thailands, regenerativer Therapien. Der Heilversuch zeitigt offenbar Erfolge: «Ich kann mich seit einigen Wochen wieder besser bewegen und teilweise sogar ohne Stöcke gehen», sagt er.

Pollas Ehefrau flog in den vergangenen Monaten mehrere Male zwischen der Schweiz und Thailand hin und her, sie wird nun das Hab und Gut in Zollikofen verkaufen und ebenfalls ins Ressort ziehen. Dies nicht ungern, wie sie betont: «Als gesunde Angehörige fühle ich mich hier nicht verloren, sondern sehr unterstützt.» Die Pollas waren zuvor nie in Thailand, haben aber durch den Beruf des Mannes viele Jahre im Ausland gelebt und bezeichnen sich als «Weltbürger». Die tieferen Pflegekosten im Land des Lächelns spielten für das gut situierte und kinderlose Paar nicht die entscheidende Rolle. Doch Mario Polla räumt ein: «In der Schweiz hätte ich mir einen solch angenehmen Lebensabend kaum leisten können.» 

Das Preis-Leistungs-Verhältnis im

Vivobene Village ist aus europäischer Optik unschlagbar. Die günstigen Löhne – eine ausgebildete Pflegerin verdient umgerechnet zwischen 600 und 900 Franken pro Monat – machen es möglich. Für Rentner, die ihren Alltag weitgehend selbstständig bestreiten können, ist der Aufenthalt bereits für 1300 Franken pro Monat zu haben. Für rund 2000 Franken gibts Vollpension inklusive Wäscheservice, wöchentlicher Massage und Ausflügen. Ein Alzheimerpatient, der auf eine 24-Stunden-Betreuung angewiesen ist, bezahlt 3500 Franken.

Zum Vergleich: In der Schweiz kostet ein gewöhnlicher Altersheimplatz im Schnitt fast 9000 Franken pro Monat. Ein Demenzzentrum, das erhöhten Ansprüchen genügt, schlägt mit bis zu 30'000 Franken zu Buche. Obwohl die Altersheimgäste in Thailand nicht von Ergänzungsleistungen profitieren, ist ihr Aufenthalt hier immer noch einiges günstiger als in einem Schweizer Heim. Der Preis sei allerdings nicht das Verkaufsargument, findet Holzer. «Es wäre auch völlig verfehlt, wenn jemand die Pflege im Ausland in Erwägung ziehen würde, bloss um Geld zu sparen.»

1,7 Pflegerinnen pro Patient

Holzer hält ein anderes Argument für viel wichtiger: «Der Aufenthalt bei uns ist einfach würdevoller als in den meisten Heimen der Schweiz.» Diese Aussage dürfte einigen hiesigen Heimleitern und Pflegenden die Zornesröte ins Gesicht treiben. Er wolle deren Leistungen nicht schlecht reden, betont Holzer. Doch es sei nun mal so, dass hierzulande wegen der hohen Lohnkosten gewisse Leistungen fast nicht finanzierbar seien. Im Vivobene Village kommen auf einen einzigen Patienten 1,7 Mitarbeitende – alleine in der Pflege. Deshalb können die rund 90 Mitarbeitenden auch auf individuelle Bedürfnisse eingehen. So erhält ein demenzkranker ehemaliger Möbelschreiner täglich Holz, Gerätschaften und wenn nötig eine unterstützende Hand, damit er auch im Heim seiner grossen Leidenschaft frönen kann.

«In der Schweiz ist Zeit Geld. Das ist in Thailand viel weniger der Fall», sagt Pflegechefin Doris Knecht. Im Umgang mit Alzheimerpatienten und generell älteren Menschen sei das ein grosser Vorteil. Die 65-jährige Aargauerin bildet im Alters-Resort die Pflegerinnen aus. In mindestens einem Punkt aber, das anerkennt auch Knecht, haben ihr die zumeist jüngeren thailändischen Kolleginnen etwas voraus: «Sie strahlen eine innere Anmut und Gelassenheit aus, die sich nur bedingt erlernen lässt, sich aber positiv auf die Gäste auswirkt.» Hinzu kommt: Ältere Menschen geniessen in dem buddhistischen Land riesigen Respekt, der auch bei Krankheit nie infrage gestellt wird.

In der Pflege ist thailändische Achtsamkeit also der grosse Pluspunkt – in den Bereichen Hotellerie und Gastronomie hängt Chef Roger Holzer hingegen an der Swissness. Nirgends sonst im Village ist diese spürbarer als im Restaurant Rössli, dem sozialen Treffpunkt der Anlage. Beim Frühstück am Käsebuffet mit Blick auf Gornergratbahn und Matterhorn wähnt man sich einen Moment in einem Chalet-Hotel in den Alpen, wäre da nicht in der anderen Blickrichtung die Aussicht auf Swimming Pool und tropische Pflanzen in üppigem Grün. Auf der Karte des Rössli stehen neben einer reichhaltigen Auswahl an thailändischen Gerichten auch Schweizer Spezialitäten wie Zürcher Geschnetzeltes mit Rösti.

In der hauseigenen Bäckerei kreiert das thailändische Küchenteam Aargauer Rüebli-, Zuger Kirsch- und Schwarzwäldertorten. Demnächst erhält das Team Geräte aus der Schweiz, mit denen es Würste und Landjäger herstellen kann. «Ich hätte im Vivobene Village gerne einen Wurstsalat, der so schmeckt wie zu Hause», sagt Holzer. Thailändische Produkte und Arbeit kombiniert mit Schweizer Know-how. Das Alterszentrum will den europäischen Gästen ein Stück Heimat bieten – neben Alpenpanoramen und kulinarischen Spezialitäten gehört auch die Schweizer Tageszeitung dazu.

Kein Ghetto für Alte

Kein Wunder, erhält das Ressort auf gängigen Bewertungsportalen wie Tripadvisor und Booking.com gute Noten. Dass es auch Hotelgästen offensteht, hat in der schwierigen Anfangszeit massgeblich zur Auslastung der Kapazitäten beigetragen. Doch wie geht es mit der Hotellerie weiter? Für Roger Holzer kein einfaches Thema: «Grundsätzlich sind wir ein Pflegeressort und kein Hotel.» Die Anlage sei von ihrer Struktur her nicht für tägliche Check-ins gemacht, die Pflege müsse das Kerngeschäft bleiben.

Doch umgekehrt will Vivobene nicht zu einem Alters-Ghetto werden: «Hotelgäste bringen Leben ins Ressort. Wenn am Swimmingpool auch mal gejauchzt wird und es im Rössli lebhaft zu und her geht, ist das auch förderlich für unsere demenzkranken Patienten.» Der Liestaler geht mit seinem Konzept auch in diesem Bereich neue Wege. Ob es Erfolg hat, wird sich in naher Zukunft zeigen.