«Ich habe nichts gegen einen solchen Brief. Aber dass ihn Urs Wüthrich ausgerechnet jetzt verschickt, lässt tief blicken.» Der Präsident des Lehrervereins Baselland (LVB), Michael Weiss, glaubt, dass die Nervosität des Bildungsdirektors dahinter steckt.

Es geht wieder mal um das Harmos-Konkordat, dem ewigen Zankapfel in der Baselbieter Bildungspolitik. In einem Brief, welcher der bz vorliegt, warnt Wüthrich die Sekundarlehrer: Die Vorbereitungen auf den Abstimmungskampf um den Verbleib im eidgenössischen Bildungskonkordat dürften sich nicht in den Schulräumlichkeiten abspielen. Weder dürfe man für das Kopieren von Flyern die schuleigenen Kopiergeräte benutzen, noch dürfe man Adresslisten, betriebliche Verteilkanäle oder Plattformen in Anspruch nehmen.

Hintergrund ist, dass sich einige Sekundarschulen bei ihm meldeten, nachdem das Komitee «Starke Schule Baselland» eine breit angelegte Umfrage lanciert hatte. Das Komitee um Geschäftsleiterin Saskia Olsson will herausfinden, wie die Lehrer tatsächlich zu Harmos stehen und ob sie gar einen Austritt des Kantons aus dem Konkordat befürworten.

Eine gleichlautende Umfrage des LVB hatte ergeben, dass 80 Prozent der Lehrer einen Austritt befürworteten, nachdem das Baselbieter Volk den Beitritt im Herbst 2010 beschlossen hatte. Der Lehrerverein selbst räumte bei der Präsentation der Ergebnisse vor einem knappen Monat ein, dass sie nicht ganz repräsentativ seien.

Die nun lancierte Umfrage unter fünf Baselbieter Sekundarschulen soll Klarheit bringen – schliesslich will sich die Starke Schule auf die Lehrer-Basis berufen, wenn sie demnächst mit der Harmos-Ausstiegs-Initiative in den Abstimmungskampf zieht.

Es soll kein Maulkorb sein

Auf Anfrage bestätigt Olsson, dass ihr Komitee die Lehrer kontaktiert habe. Das alleine war für Wüthrich nicht Anlass für diesen Mahnbrief, wie er beteuert. Schliesslich sei die direkte Kontaktaufnahme mit den Lehrern erlaubt. In einigen Fällen sei aber eine rote Linie überquert worden, als das Komitee versucht habe, an die offiziellen Adresslisten zu gelangen. «Die Schulleitungen haben aber richtig reagiert und die Daten nicht herausgegeben», sagt Wüthrich.

Dem widerspricht Olsson vehement: «Wir haben die E-Mail-Adressen von den Homepages der jeweiligen Schulen und die Lehrer nur direkt angeschrieben.» Offenbar hat die Sekundarschule Oberwil Biel-Benken nach der Kontaktaufnahme von «Starke Schule Baselland» reagiert und die Mailadressen der Lehrer vom Netz genommen.

Tatsächlich finden sich auf der Homepage der Schule jetzt nur noch die Direktadressen der Schulratsmitglieder. Obwohl Harmos-Befürworter Wüthrich grossen Respekt vor der Ausstiegs-Initiative hat: Keinesfalls will er den Eindruck vermitteln, dass er den Lehrern einen Maulkorb verpassen will. «Das Grundrecht auf Informationsfreiheit und freie Meinungsäusserung gilt auch für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Kantons», stellt er in seinem Brief klar. Die Vertretung politischer Überzeugungen dürfe für die Mitarbeiter in keiner Art und Weise politische Nachteile oder Vorteile zur Folge haben. Aber eben: Die Propaganda muss ausserhalb der Schule erfolgen.