Das hätte man nun nicht erwartet: die dreidimensionale Zeichnung, die sich begehen lässt. Es ist eine hingeworfene, geschwungene Linie, die sich fest geworden und übergross durch den Saal zieht. Die «Raumzeichnung» des Berners Wolfgang Zät ist der Versuch, die rasche Bewegung eines Stifts oder Pinsels festzuhalten, so als ob die Linie in der Luft stehen geblieben ist und da noch schwebt.

Räumlich umgesetzt sind sogar die Unterschiede in der hingeworfenen Linie – einmal schmaler, einmal breiter je nach Druck und Bewegungsrichtung. Einst fristete sie ein Randdasein und war höchstens als Vorstufe eines richtigen Kunstwerks in Malerei, Plastik oder Architektur akzeptiert: die Zeichnung als Entwurf und Skizze.

In der Moderne hat sie sich allerdings zu einer eigenständigen und autonomen Gattung gewandelt. Die aktuelle Palazzo-Ausstellung, kuratiert von Massimiliano Madonna und Konrad Tobler, lotet ihren breiten Variantenreichtum aus - anhand der Arbeiten von 16 zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern aus der Schweiz. In einer kleinen Kabinettschau lassen die Kuratoren zudem die Geschichte der Zeichnung mit klassischen Beispielen seit dem 17. Jahrhundert Revue passieren.

Ein Hang zu Schwarz-Weiss

Nicht leicht, die Frage zu beantworten, was die Zeichnung heute ausmacht und wo ihre Grenzen liegen. Jedenfalls verblassen die Assoziationen rasch, die sich als Erstes einstellen: «Zeichnung ist längst nicht mehr Bleistift und ein Blatt Papier», sagt Konrad Tobler. Da kommen Öl, Farb- und Filzstift, Wein, Papier, Leim, Graphitstaub und vieles mehr zum Einsatz, aufgetragen auf alle möglichen Materialien als Unterlage.

Stark vertreten sind an der Ausstellung zeichnerische Grossformate, die die Fläche stark verdichten und dynamisieren, aber auch mit dem Leerraum spielen. Auffallend ist das fast durchgehende Schwarz-Weiss vieler Arbeiten: Als ob die längst überwunden geglaubten Begrenzungen des Mediums Zeichnung noch immer nachwirken würden.

Nur selten, zum Beispiel in den Wandzeichnungen der Baselbieterinnen Claudia und Julia Müller, kommt etwas Farbe ins Spiel. Die beiden Künstlerinnen haben konventionelle Porträts von leidenden Gesichtern aus dem Fundus der europäischen Kunstgeschichte kopiert und direkt mit Tusche und Pinsel auf eine lange Wand angebracht.

Eine besonders experimentelle Position nimmt Katrin Hotz ein: Sie hat dünne, bemalte Papierbahnen und -fetzen aufgehängt, deren Falten, Ränder und Risse feine, sich bewegende Linien bilden. Als ob «sich die Zeichnung selber zeichnet», sagt Kurator Tobler. Ähnlich wie Wolfgang Zät mit seiner Skulptur gelingt es der Künstlerin, von der Fläche in den Raum zu gelangen und damit die Grenzen der Gattung neu zu fassen.

«gezeichnet / gezeigt», Kunsthalle Palazzo, Liestal. Läuft bis 22. Oktober. Öffnungszeiten: Di bis Fr 14 bis 18 Uhr, Sa und So 13 bis 17 Uhr.