Befürworter und Gegner des Quartierplans Ziegelhof haben den Abstimmungskampf eröffnet; ein Ja der Liestaler Stimmbürger am 23.September ist Voraussetzung für die Überbauung des ehemaligen Bierbrauerei-Areals am Rande der Altstadt mit 7000 Quadratmetern Verkaufsfläche (davon etwas mehr als ein Drittel für Coop), 13 Wohnungen und 210 Parkplätzen.

Und der Auftakt beinhaltet gleich einen happigen Vorwurf: Die Gegner des Quartierplans, die sich im Verein Pro Ziegelhof zusammengeschlossen haben, unterstellen den Befürwortern, mit Falschaussagen fürs Projekt zu hausieren. Besonders stösst dem Historiker Martin Kluge, der Pro Ziegelhof präsidiert, ein Plakat auf, auf dem die Stadt Liestal, Grundeigentümerin Ziag AG und Investorin Bovida AG vereint werben: «Die Quartierplanung Ziegelhof ermöglicht ein Bauprojekt, das die Stadtsilhouette freilässt und die Dächer der Altstadt einsehbar macht.» Illustriert wird die Aussage mit einer laut Kluge «verharmlosenden Visualisierung». Denn Pro Ziegelhof habe mithilfe von Ballonen nachgemessen mit dem Resultat, dass «aus der gleichen Perspektive» der neue Einkaufstempel von Liestals Stadtsilhouette kaum mehr als die Giebelspitzen und den Kirchturm sehen lasse (siehe Bild). Der Vorwurf wiegt umso gravierender, weil Pro Ziegelhof die Kritik an der Bildmontage bereits im Mitwirkungsverfahren vorgebracht und Anfang Juli erneuert hat. Auch weitere, auf der Homepage der Stadt Liestal aufgeschaltete Visualisierungen entsprächen nicht den wirklichen Ausmassen des Projekts, moniert Kluge. Der Verein Pro Ziegelhof stellt in seinem Abstimmungs-Flugblatt, das ab heute in alle Liestaler Haushalte verteilt wird, diese Unstimmigkeiten in der Vordergrund.

Damit steht die Frage im Raum: Führt die Stadt Liestal die Stimmbürger mit geschönten Bildern bewusst in die Irre? Der Liestaler Stadtverwalter Benedikt Minzer hält dies für einen unhaltbaren Vorwurf: «Unser Grundsatz ist, dass wir korrekt informieren. Wir verwehren uns gegen die Unterstellung im Flugblatt. Aus unserer Sicht ist nichts falsch.» Man habe mit den Visualisierungen einen externen Experten beauftragt und nach den Einwendungen seitens Pro Ziegelhof die Bilder nochmals überprüfen lassen. Und Minzer fügt an: «Wieso hat denn Pro Ziegelhof innert Frist keine Stimmrechtsbeschwerde gemacht, wenn sie der Meinung ist, dass wir falsch informieren?»

Überrascht ist Minzer, dass die Stadt Liestal zusammen mit Ziag und Bovida auf den rund ums Ziegelhof-Areal aufgestellten Plakaten erwähnt ist. Dies widerspreche den Abmachungen. Minzer: «Unsere Aufgabe ist zu informieren und nicht, Abstimmungspropaganda zu machen. Denn wir sind Begleiter der Planung gemäss gesetzlichem Auftrag und nicht Investor.» Mateja Vehovar, beim Zürcher Architekturbüro Vehovar und Jauslin Leiterin des Ziegelhofprojekts und somit für die Visualisierungen verantwortlich, sagt zum Vorwurf der Beschönigung: «Ich schliesse Fehler bei der Bildvisualisierung aus. Die Bilder beruhen auf den digitalen Plänen und korrespondieren mit dem erstellten Modell.»

Keine unabhängige Fachstimme

Relativ einfach wäre der Bilderstreit zu entschärfen, indem wie vom Stadtrat im Juni angekündigt mit Profilstangen das Ziegelhofprojekt vor der Abstimmung abgesteckt würde. So könnte sich die Bevölkerung ein Bild vom Kubus des Bauvorhabens machen. Doch es bleibt beim Konjunktiv. Der Stadtrat machte nach rechtlichen Überlegungen einen Rückzieher und befand, dass dies nicht seine, sondern die Aufgabe der Bauherrin sei. Vor einer Woche noch versicherte Stadtpräsident Lukas Ott, dass die Aufgabentrennung aber nichts daran ändere, dass die Stangen gestellt würden. Doch der Verwaltungsratspräsident der Ziag, Christoph Stutz, winkt ab: «Wir haben keine Veranlassung, dafür einen fünfstelligen Betrag auszugeben.» Und die Stadt Liestal will definitiv nicht in die Bresche springen. Minzer verweist darauf, dass sie mit den Visualisierungen schon mehr mache, als sie müsse: «Üblich ist ein Modell und das liegt im Massstab 1:500 öffentlich einsehbar im Rathaus vor. Dort kann man die Grössenverhältnisse nachvollziehen.» Eine Profilierung sei erst im Baubewilligungsverfahren vorgesehen.

Martin Kluge bedauert: «Profilstangen wären die einzige Art, das Projekt objektiv darzustellen.» Und er fügt an, dass ein «Drama» der Abstimmung sei, dass die zentrale Diskussion um den Ortsbildschutz fehle. Dies, weil Denkmalpflege und Heimatschutz ins Projekt involviert seien und deshalb keinerlei Aussagen zu ihrem Standpunkt preisgäben.