«Hier am Tisch hats noch genug Platz, setzen Sie sich», sagt der ältere Herr. Die Kluft will so gar nicht zum freundlichen, zerfurchten Gesicht passen. «Blitzkrieg» und «Zombie» steht auf seinem verwaschenen T-Shirt, dazu verrissene Jeans und eine Tätowierung, die aussieht, als hätte er sie selbst gestochen. Michel, etwas über 50 Jahre alt und ist mit seinem Neffen Andreas und dessen Studienfreund Paul aus Strassburg angereist.

«Ich war schon an über tausend Metal-Konzerten», sagt er. Und wenn er dem Metal frönt, dann lässt er seine erzieherischen Pflichten daheim. Dass sein 18-jähriger Neffe sich gerade einen Joint anzündet, bringt ihn nicht aus der Ruhe. «An Metalfestivals gibts keine Regeln - ausser, dass wir in friedlicher Mission unterwegs sind.» Ist das also Blitzkrieg-T-Shirt reiner Etikettenschwindel? «Jetzt wird es philosophisch», sagt Michel und spricht Worte, zu denen die herumsitzenden Hartmetaller nur anerkennend nicken. «Mord und Tod gehören zweifellos zum Metal. Aber gerade diese Form, sich in den Texten abzureagieren, führt dazu, dass die Aggressionen nicht ins Leben überschwappen.»

Weite Wege

In der Tat: Ins Leben schwappten die Aggressionen auch am dritten Metalfest im Prattler Z7 nicht über. Vielmehr verteilten sie sich als Black Metal, Trash Metal, Death Metal, Hardcore Metal, Folk Metal oder Crossover Metal auf zwei Bühnen - eine im und eine vor dem Z7. Für Blind Guardian, Hypocricy oder Kyuss Lives! (eine Band, die aus den legendären Kyuss hervorgegangen ist) sind die Fans Hunderte Kilometer angereist.

Die Kassenfrau beim Eingang bekräftigt, dass fast die Hälfte des Publikums das Billett auf Englisch oder Französisch gekauft hat. Und trotzdem: Unüberschaubar ist die Szene nicht. Michel, der Strassburger, kennt hier auf dem Z7-Areal in Pratteln fast jeden. Das erstaunt nicht: Die ganz grossen Zeiten hat der Metal, diese Hardrock-Abwandlung, hinter sich. Metallica ist das letzte grosse Aushängeschild, Iron Maiden auf dem absteigenden Ast und Black Sabbath nicht mehr der Rede wert. Michels Neffe Andreas gehört zu den Jüngsten auf dem Festivalgelände. Im Schnitt sind die Besucher zwischen 35 und 50. Der Kleidungsstil hat sich nicht geändert: Springerstiefel, schwarze Lederjacken oder Jeanswesten mit aufgenähten Band-Stickers. Die Haare sind aber kürzer geworden - entweder sind sie ausgefallen, oder wie im Fall von Michel so, wie die Arbeitswelt es verlangt. Er ist Anwalt.

Nicht vom Aussterben bedroht

Vom Aussterben sei die Metalszene nicht bedroht, beteuern die Anhänger, die sich nach dem Konzert der Basler Band Zatokrev und den Piratenmetallern Alestorm zu Michel gesellt haben. Dass sich die Musik heute weniger kommerziell vermarkten lasse, mache nichts. «Der harte Kern macht das mit der Hingabe zum Hobby wett», sagt ein Thurgauer, der für das Metalfest in Pratteln extra eine Woche freigenommen hat. Die Frau an der Kasse bestätigt, dass die Nachfrage nach Tickets im Vergleich zu den letzten Jahren etwas nachgelassen habe. Einen allgemeinen Trend will sie daraus nicht ablesen. «Einige sind kurz entschlossen und richten sich nach dem Wetter», weiss sie.

Die heftigen Regengüsse am Donnerstag dürften einige vom Festivalbesuch im Prattler Industriegebiet abgehalten haben. Nicht so Michel, Andreas und Paul. «Mich hätte der eigene Tod nicht davon abgehalten, hierherzukommen», sagt Michel - der Tod gehört eben zum Metal.