Jetzt wird in Ormalingen wohl wirklich nie mehr ein Feuer ausbrechen: Als Dank für die gute Aufnahme im Dorf, so heisst es in einer Ormalinger Sage, hatte eine Zigeunerin einst den Feuergott beschworen, das Dorf vor Feuer zu bewahren. Und jetzt hat auch ihr Abbild Obhut in der Gemeinde erhalten. Angefertigt hatte es vor gut 50 Jahren der Baselbieter Künstler Walter Eglin als Sgraffito an der Ormalinger Turnhalle. Doch diese wird gerade abgerissen – und mit ihr beinahe auch «Die Zigeunerin». Doch einmal mehr nach ähnlichen Fällen in Liestal, Muttenz und Hölstein hatten sich Anhänger des Künstlers, darunter sein jüngster Sohn Toni Eglin, für den Erhalt des Werks stark gemacht.

30 Quadratmeter, 20 Tonnen

Gestern nun wurde «Die Zigeunerin» nach monatelangen Diskussionen in einer spektakulären Zügelaktion verschoben: Erst musste das Sgraffito aus der Turnhallenwand getrennt werden. Das Resultat war ein 30 Quadratmeter grosses Mauerstück, das in einen Stahlrahmen geklemmt wurde, damit es zusammenhielt. Die über 20 Tonnen schwere Konstruktion wurde dann von einem Kran hochgehoben und schliesslich an der Fassade eines Wohnhauses an der Hauptstrasse – in unmittelbarer Nähe der Turnhalle – befestigt, abgestützt auf zwei Stahlstützen. «Der neue Standort ist noch viel besser als jener an der Turnhalle», freut sich Thomas Schweizer, der sich auch für die Rettung des Sgraffitos eingesetzt hatte. «Hier an der Hauptstrasse kommt es viel besser zur Geltung.»

«Wahnsinnig glücklich» sei er, dass das Werk nun gerettet sei, so Schweizer. Glücklich ist auch Kurt Rytz, dessen Rytz AG den Umzug durchgeführt hat. «Das war eine absolut aussergewöhnliche Aktion», sagt er. «So etwas hat es bei uns noch nie gegeben.» Abgesehen von ein paar Verzögerungen in der letzten Phase – dem Anbringen des Sgraffitos am neuen Zuhause – sei alles rund gelaufen. «Unsere grösste Angst war, dass das Mauerstück auseinanderbrechen oder anderweitig Schaden nehmen könnte. Aber die ganze Mauerfläche hat keinen einzigen neuen Riss abbekommen.»

Wachende Augen

Die ungewöhnliche Zügelaktion hatte zahlreiche Schaulustige angezogen. An normalen Unterricht war im umliegenden Schulhaus nicht zu denken. Die Schüler spähten durch die Gitterabsperrungen oder sassen auf dem Sims ihres Schulzimmerfensters. Auch Jrene Kaufmann liess sich das Spektakel nicht entgehen. Viele Jahre hatte sie im Haus gewohnt, an dem das Sgraffito nun angebracht wurde. «Für mich ist es ein wichtiger Bestandteil Ormalingens», sagt sie. Die dazugehörige Sage sei in ihrer Kindheit immer Thema gewesen. «Und ich habe sie auch meinen Kindern weitererzählt. Sie gehört zu Ormalingen.»

«Der Hauptteil ist geschafft», freut sich auch Regina Rodmann, die sich für die Rettung der Wandkunst eingesetzt hatte. Rund drei Monate hätten sie und ihre Mitstreiter sich für «Die Zigeunerin» eingesetzt. «Von Null auf. Zu Beginn hatten wir weder einen Standort noch Geld.»
30 000 Franken hat der Gemeinderat zum Umzug beigesteuert. Doch dieser Batzen ist alleine mit dem Einsatz des Teams der Rytz AG aufgebraucht. Die Rettungsgruppe hatte auch Spenden gesammelt. «Und wir werden nun, da alle das gerettete Kunstwerk sehen können, sicher noch ein paar mehr sammeln», so Rodmann. «Unter dem Strich sollten wir die Kosten so decken können.»