Auf der Wiese neben der Zullwiler Gemeindeverwaltung blöken die Schafe. Es macht fast den Eindruck, als gäben die Tiere damit zu erkennen, dass sie dem, was drinnen passiert, zustimmen. In der Vergangenheit war dies hier, in der beschaulichen 650-Einwohner-Gemeinde, völlig anders gewesen.

«Wenn Harmonie geherrscht hätte, wäre meine Anwesenheit nicht nötig geworden», scherzt Michel Meier. Der Rechtsanwalt aus Olten sitzt am Tisch, an dem früher der Gemeinderat seine Sitzungen abhielt, und erzählt über seine Arbeit in Zullwil. Seit Mitte Mai ist der 42-Jährige im Schwarzbubenland als Abgesandter des Kantons Solothurn als Sachwalter tätig. Er wurde von der Regierung beauftragt, die Geschäfte im Dorf weiterzuführen, da dort keine Exekutive mehr existiert. Nach langen und heftigen Auseinandersetzungen waren zwei Gemeinderäte und der Gemeindepräsident zurückgetreten.

Spürt kein Misstrauen

Seit mittlerweile dreieinhalb Monaten ist Meier nun zuständig für Angelegenheiten, die eigentlich auf fünf Personen verteilt sein sollten. «Ich bin durchschnittlich einmal pro Woche vor Ort in Zullwil. Am meisten schätze ich die Zusammenarbeit mit den Behördenvertretern», sagt er. In seiner bisherigen Zeit habe er das Dorf anders kennen gelernt, als die schlechten Schlagzeilen versprachen. «Es gibt hier viele engagierte Personen, denen die Gemeinde am Herzen liegt.» Misstrauen ihm gegenüber habe er bisher bei der Bevölkerung nicht gespürt. Zur Seite stehen ihm bei seiner Arbeit die verbliebenen Gemeinderäte, Sandra Christ-Helfenfinger und Pascal Helfenfinger. Alle paar Wochen treffe man sich zu dritt zu einer Art Gemeinderatssitzung, an der man sich austausche.

Die Verpflichtungen, die Meier als Sachwalter hat, sind vielfältig und herausfordernd. «Manchmal weiss ich vor lauter Eindrücken und neuen Bekanntschaften gar nicht, wo mir der Kopf steht.» Er notiere sich alles in einer Excel-Liste, was ihm dabei helfe, den Überblick zu bewahren. Eine seiner ersten Amtshandlungen sei die Genehmigung des Mittelalterfestes gewesen, das Ende Juni bei der Ruine Gilgenberg stattgefunden hat. «Da hätte ich mich schon unbeliebt machen können», sagt der Vater zweier Kinder. Er müsse aber auch Rechnungen visieren, mit dem Brunnenmeister unterwegs sein oder mit der Spitex verhandeln. «Vieles war für mich neu, weshalb ich mich einschaffen musste.»

Etliche Aufgaben, die Zullwil betreffen, kann er von seinem Büro in Olten aus erledigen. Rechne er die Stunden zusammen, die er für die Thiersteiner Ortschaft aufwende, komme er auf ein 80-Prozent-Pensum, erklärt Michel Meier. Daneben ist er weiterhin, wenn auch reduziert, als Rechtsanwalt tätig. «Die Zullwiler sollten begreifen, dass die Arbeit, welche die Gemeinderäte als Milizler verrichten, eine enorme Büez ist.» Seine Tätigkeit zeige, was es koste, wenn das einfach so wegfalle. Zullwil muss dem Oltner für seinen Einsatz pro Stunde 250 Franken bezahlen.

Zuletzt war der Argwohn, den einzelne Einwohner dem Gemeinderat entgegenbrachten, riesig. Das Komitee Pro Zullwil warf Exekutivmitgliedern vor, schlecht zu arbeiten und sich zu bereichern. Die zurückgetretenen Gemeinderäte bezichtigten das Komitee wiederum, die Arbeit des Gemeinderates zu behindern. «Die Wahrheit liegt wie immer irgendwo in der Mitte», resümiert Meier. Er findet aber: «Die Bevölkerung sollte den vor ihr gewählten Gemeinderäten vertrauen. Die Exekutive muss gegenüber den Einwohnern transparent sein.» Auf beiden Seiten seien Fehler gemacht worden.

Neuwahlen werden Knacknuss

Der wichtigste Auftrag des Sachwalters ist es, die Nachwahlen des Gemeinderates zu organisieren. «Mir ist bewusst, dass es schwierig werden wird, eine funktionierende Exekutive auf die Beine zu stellen.» Zullwil ist ein kleines Dorf, in dem praktisch jeder jeden kennt und langjährige Rivalitäten bestehen. «Wenn man die Verfehlungen aber nicht wiederholt, kann es durchaus klappen.» Für Meier sind Transparenz und die Mitbestimmung der Bevölkerung essenziell. Deshalb informiert er in der Dorfzeitung über seinen Einsatz und verschickte an alle Einwohner eine Umfrage zum künftigen Standort der Zullwiler Verwaltung.

An Weihnachten möchte Michel Meier seine Tätigkeit in Zullwil beendet haben. Zurückkehren wird er aber auch, wenn ein neuer Gemeinderat im Amt ist. «Mir ist das Dorf mit seiner wunderschönen Landschaft und den tollen Bewohnern ans Herz gewachsen.» Er könne sich sogar vorstellen, eines Tages hierhin zu ziehen.