Nach dem grossen Konzil von Basel vor 570 Jahren ist das Basler Münster wieder Gastgeber einer historischen Zusammenkunft der Kirchen: Heute beginnt die fünftägige Vollversammlung der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE). Diese ist deshalb geschichtsträchtig, weil sich die protestantischen Kirchen Europas jetzt erstmals zu einem künftigen Dialog mit dem Vatikan verpflichten. Die bz hat mit Gottfried Locher, dem Präsidenten des Schweizerisch Evangelischen Kirchenbunds, darüber gesprochen, was es heisst, trotz Andersheit zusammenzuspannen.

Das Christentum zählt über 33'000 verschiedene Glaubensgruppen. Liegt es im Wesen des Protestantismus, sich uneins zu sein?

Gottfried Locher: Im Wesen des Protestantismus liegt die Vielfalt und diese ist eine Stärke. Sie bringt aber auch Herausforderungen mit sich. Es ist darum unsere Aufgabe, Einheit in der Vielfalt zu schaffen, denn im Kern sind wir nicht so verschieden.

Trotzdem gibt es im Protestantismus viele Splittergruppen, deren Hauptmerkmal gerade die Abgrenzung ist.

Die Beobachtung ist korrekt, und sie beschäftigt mich. Denn ich bin überzeugt, dass diese Abgrenzungstendenz dem protestantischen Gedanken zuwiderläuft. Die Kraft der protestantischen Kirche ist gerade die Integration aller Menschen. Darum ist diese geeinte Versammlung von den verschiedensten europäischen Kirchen hier in Basel so bedeutsam.

Für die Schweizer Kirchen ist der Dialog mit sogenannten «Migrationskirchen» ein grosses Thema. Stellt die wachsende Diversität den traditionellen Schweizer Protestantismus vor die Frage, wer er eigentlich ist?

Migrationskirchen sind Chance und Herausforderung zugleich. Sie sind eine Herausforderung, weil wir neue Angebote aufstellen müssen und sie sind eine Chance, weil diese Kirchen mit neuen Sprachen, Formen und Kulturen die Szene aufmischen. Wir teilen die Überzeugung, dass nicht nur die eingesessenen Bürger Kirche sind, sondern Kirche ganz verschieden aussehen kann. Gerade dazu, wie wir uns als neue gesellschaftliche Minderheit verhalten, können wir von Migrationskirchen viel lernen.

Wird diese kulturelle Diversität auch jetzt an der Zusammenkunft der GEKE eine Rolle spielen?

Auf jeden Fall. Die Zusammensetzung ist betont multikulturell. Das ist gar nicht immer so einfach. Was der eine an Höflichkeit vermisst, vermisst der andere an Direktheit. Aber es ist auch das Schöne an der GEKE. So eine interkulturelle Plattform haben wir Protestanten nicht von Natur aus, sondern wir haben sie gewollt und erarbeitet.

Was ist im Dialog mit der katholischen Kirche nicht verhandelbar?

Es gibt unverhandelbar Protestantisches, das uns verbindet und solches, das uns trennt. Der starke Bezug auf Christus ist typisch reformiert und ich glaube, dass das andere Kirchen auf ihre eigene Art auch so sehen. Trennendes gibt es aber genauso. Die Frauenordination ist aus meiner Sicht nicht Gegenstand von Verhandlungen, gleich wie auch die Nichtdiskriminierung von gleichgeschlechtlichen Paaren. Alles was mit Formalem zu tun hat, muss allerdings «verhandelbar» bleiben und ein Dialog muss möglich sein.

Dass ein solcher Dialog in Zukunft überhaupt stattfinden soll, besagt die Absichtserklärung zwischen der GEKE und dem Vatikan, die dieses Wochenende unterzeichnet wird. Ein historisches Dokument – aber was soll die Bevölkerung davon konkret zu spüren bekommen?

Die GEKE ist der einzige gesamtprotestantische Dialogpartner überhaupt und das nicht nur für Rom, sondern auch für die Anglikane oder Orthodoxe Kirche. Historisch ist dieses Treffen, weil die protestantischen Kirchen Europas sich jetzt verpflichten, diese Dialoge längerfristig zu pflegen. Ohne diese Dialoge können die Themen, die die Kirchgänger interessieren, wie das gemeinsame Abendmahl, nicht angegangen werden.

Die Welt, auch ausserhalb der Kirche, hat zurzeit keine Knappheit an Problemen. Bei welchen Themen glauben Sie, müssten die grossen Kirchen besonders zusammenspannen?

Wenn sich die Kirche zu allem äussert, wird sie nicht mehr gehört. Deshalb muss sie sich konzentrieren. An der jetzigen Zusammenkunft wird es eine Resolution geben, dass wir besonders auf den Frieden im Nahen Osten achten und dort unseren Beitrag leisten müssen. Das Abend- und Morgenland gehören zusammen und was im Nahen Osten passiert, geht uns hier an. Schliesslich müssen wir Europäischen Kirchen unseren Blick gerade auf die Ereignisse in Europa richten und unsere gemeinsame Stimme erheben - für die Demokratie, für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und für die Achtung des Anderen.