Im September 2022 werden 300'000 Besucher ans Eidgenössische Schwing- und Älplerfest in die Prattler Hülften strömen. Um den Ansturm zu bewältigen, wird einiges auf die Wiese gestellt: Neben der Haupttribüne werden Abschrankungen gegen die Gewässer und die Bahnlinie nötig sein. Angedacht sind ein temporärer Bahnhof an der Bahnlinie und eine Brücke über die Schienen, voraussichtlich wird es unter der Hochspannungsleitung einen Schutz brauchen, daneben Infrastruktur wie Wasserleitungen.

All diese Bauten werden nur während des dreitägigen Schwingwochenendes benutzt – falls nicht Eva Kellers Idee umgesetzt wird. Die Prattler SP-Einwohnerrätin möchte nämlich ein Jahr vor dem Schwingfest einen anderen Grossanlass am gleichen Standort stattfinden lassen: Das Bundeslager (Bula) der Pfadfinder. Dieses lockt etwa alle 14 Jahre rund 25'000 Jugendliche aus der ganzen Schweiz an. Derzeit kann man sich als Standort für diesen Event bewerben.

Wanderungen und Besuche

Keller hofft auf Synergien zwischen den Grossanlässen. «Wenn schon so viele Bauten hingestellt werden, soll man sie grad zwei Mal brauchen», findet die ehemalige Pfadfinderin. «Das Rad muss nicht zwei Mal neu erfunden werden», schreibt sie in einem Postulat, das sie am Montag im Einwohnerrat eingereicht hat. Darin fordert sie den Gemeinderat auf zu prüfen, ob eine Bewerbung überhaupt Sinn mache.

Die Anforderungen, die die Bula-Organisatoren an den Lagerplatz stellen: Der Ort muss ein «natürliches Angebot an Wäldern, Wiesen, Flüssen und Seen für Aktivitäten» bieten, dazu ein «touristisches Angebot» für Besuche und Wanderungen. Gesucht ist eine «circa 1,2 Quadratkilometer grosse, ebene Wiese für Zelte». Das Prattler Schwingfestareal ist vier Mal kleiner, doch für Keller ist das kein Problem. Es bräuchte eben Zusatzorte.

Sie räumt aber auch ein, dass sie sich noch nicht viele Gedanken gemacht hat, wie realistisch ihr Vorschlag ist. Und sie hat noch nicht mit dem Schwingfest-OK, den Landbesitzern oder anderen Parteien gesprochen. Die Bewerbungsfrist laufe bereits am 1. September ab. Deshalb habe sie ihren Vorstoss rasch eingereicht. «Es handelt sich erst eine Idee, die in unserer Fraktion gewachsen ist.» Jonas Grüter, Co-Leiter von Pfadi Region Basel, hält sie jedenfalls für gut.

Ein Bula-Standort in einer Agglomeration sei nicht nur nahe am Land, wie das für Pfadi naheliegend ist. Auch die Stadt sei in Reichweite. «Das bietet ganz andere Möglichkeiten fürs Rahmenprogramm», sagt er. Dieses wird von den verschiedenen Pfadiformationen aus der ganzen Schweiz organisiert. «Und Stadtpfadis funktionieren ganz anders als solche auf dem Land», erklärt er. Bisher hätten Bulas immer nur auf dem Land stattgefunden. Er schätzt, dass eine Bewerbung aus Pratteln in der Endauswahl «definitiv Chancen» habe.

Auch die Umweltschützer dürften mitziehen. «Ich finde die Idee prüfenswert», sagt Urs Chrétien, Geschäftsführer von Pro Natura Baselland. «Grundsätzlich ist es gut, mit zwei Anlässen nur einen Standort zu belasten.»

Hauptgelände schon besetzt

Keller schwebt vor, dass die Schwinger das Bula als «Testlauf» benutzen. Sie könnten so von den Pfadfindern lernen. Zum Beispiel würden die Jugendlichen ausschliesslich mit dem öffentlichen Verkehr anreisen, und am Besuchstag gebe es ungefähr gleich grosse Menschenmassen zu bewältigen wie am SchwingfestWochenende ein Jahr später. «Man könnte die Transportsituation durchspielen und so den Auto-Anteil des Schwingfests senken», hofft Keller.

Doch seitens Schwingfest gibt man sich zurückhaltend. «Dass für das Eidgenössische grosse Synergien entstehen könnten, können wir im Moment nicht erkennen», sagt Rolf Wirz, Sprecher von OK-Präsident und Regierungsrat Thomas Weber. Zudem müssen man sicher gut abklären, weil es Auswirkungen auf die Landbewirtschaftung haben dürfte. Noch etwas anderes zu bedenken gibt Urs Hess, Prattler Gemeinderat (SVP), Obmann der Altpfadi Pratteln und Mitglied im OK des Schwingfests.

Ein Jahr vor dem Schwingfest seien bereits erste Bauarbeiten am Laufen, etwa für Leitungen im Boden. «Ein Bundeslager auf unserem Hauptgelände sehe ich deshalb nicht.» Allenfalls könnten die Pfadis Flächen benutzen, die den Schwingern zum Parkieren zur Verfügung stünden. «Ich fände ein Bundeslager in der Region eine tolle Sache», betont er. «Aber es muss nicht unbedingt in Pratteln sein.»