Es ist still in Buus. Und kalt. Im Oberbaselbieter 1000-Seelen-Dorf regt sich morgens um 6.30 Uhr nicht viel. Bloss das monotone Plätschern des Dorfbrunnens ist zu hören. Aus einer Seitengasse stapft ein Mann aus dem Dunkel. Wintermütze, blau-karierte Baumwolljacke, eine fleckige, graue Arbeitshose und schwarze Stiefel sind seine Kluft. Hinter sich zieht er einen Anhänger mit einem grossen Plastikkanister darauf. Am Brunnen senkt er den Kanister ins Wasser und hievt ihn voll gefüllt wieder auf den Wagen.

Schwer vorstellbar, dass der vermeintliche Bauer nur knapp zwei Stunden später in Anzug, Krawatte und Businessschuhen die Türe zur Baselbieter Volkswirtschafts- und Gesundheitsdirektion (VGD) an der Liestaler Bahnhofstrasse 5 aufschliessen wird. Und doch vereint Thomas Weber diese zwei Welten, seit er vor sechs Jahren in die Regierung gewählt wurde. Tag für Tag. «Andere gehen jeden Morgen mit dem Hund raus oder joggen, ich füttere meine Schafe», sagt er, als ihn die bz an diesem kalten Februarmorgen begleitet.

Weber der Schafhirte, das ist mehr als ein Wahlkampf-Gag. Schon seit elf Jahren besitzt der 57-Jährige eine kleine Herde Walliser Schwarznasenschafe, um die er sich im Naturschutzgebiet auf einer kleinen Anhöhe von Buus kümmert. Der Weg dorthin ist steil, Weber schiebt den Anhänger jetzt vor sich her, atmet schwer. Doch er hält nicht an, zieht durch. «Die Fütterung ist mir als Ausgleich zur Büroarbeit wichtig, dieses völlig naturgesteuerte. Ich kann keinen Fütterungsautomaten aufstellen, keine Elektronik», sagt er und schaltet seine Stirnlampe an, als er die letzte Strassenlaterne von Buus passiert und ins Dunkel taucht.

Spitalfusions-Aus ärgert ihn

Dass Weber als VGD-Vorsteher auch Landwirtschaftsdirektor ist, passt da natürlich bestens. In der ablaufenden Legislatur war davon aber wenig zu spüren, dominierte doch das Dossier Spitalfusion seine Arbeit. «Die Arbeit für die Spitalfusion war intensiv, sie war mein wichtigstes Projekt.» Dass dieses Unterfangen wegen des Neins des Basler Stimmvolks Schiffbruch erlitt, bezeichnet Weber als «schon etwas ärgerlich».

Obwohl die Baselbieter der Fusion zugestimmt haben, sei das Ziel verfehlt worden. Jetzt, nachdem er die Niederlage etwas sacken lassen konnte, sieht Weber aber etwas Positives: «Die Gesundheitsversorgung könnte nun sogar persönlicher werden, als es nach der Spitalfusion im grossen Unispital Nordwest gewesen wäre.» Zuerst gehe es aber darum, das Kantonsspital Baselland zu stabilisieren, denn «es dicht zu machen, geht nicht».

Da stehen sie, sechs Umrisse vor einem Stall: Romy, Sarah, Seline, Seppli, Mona und Madi. Skeptisch weichen sie zurück, als sie merken, dass ihr Herrchen dieses Mal nicht alleine kommt. Doch als Weber den Wassertrog füllt und sich zu den Futterfässern begibt, kommt ein erstes angetrottet – und die anderen folgen sofort. «Schafe sind eben Herdentiere. Und der Hunger ist grösser als die Angst», sagt Weber, greift sich Seppli und balgt herzlich mit ihm. Ein Sujet wie für ein Wahlplakat.

Langsam wird es hell in Buus. Weber geht nach Hause, um sich umzuziehen. 28 Jahre wohnt der gebürtige Bubendörfer mit seiner Frau schon im schmucken Doppel-Einfamilienhäuschen. Das deutet auf Beständigkeit hin. Auch bei seiner Regierungsarbeit strebt Weber keinen Wechsel an: «Ich fühle mich sehr wohl in der VGD und meine Absicht ist es, die Direktion zu behalten, sollte ich am 31. März wiedergewählt werden.»

Dass seine SVP und die FDP versuchen könnten, ihn zu einem Wechsel in die frei werdende Bau- und Umweltschutzdirektion zu bewegen, um eine SP-Vorsteherin Kathrin Schweizer zu verhindern, kommentiert Weber trocken: «Die Verteilung der Direktionen ist Sache des Gesamtregierungsrates, da hat niemand reinzureden ausser wir fünf.»

Es ist 7.45 Uhr, als aus dem Schafhirten endgültig wieder der Regierungsrat wird. Weber steigt in seinen Audi Q5. Touchscreen und Spurhalteassistent statt Stallgeruch. Der Klimawandel soll eines der Schwerpunktthemen der kommenden Legislatur werden. Hier zeigt sich am deutlichsten Webers Parteizugehörigkeit. «Ich fände es falsch, mehrere Hundert Millionen Franken zu investieren, um in Baselland den CO2-Ausstoss um ein Drittel zu senken. Das ändert das Klima nicht», sagt er.

Stattdessen plädiert Weber dafür, die Ressourcen dafür aufzuwenden, sich an den Klimawandel anzupassen. «Ein Klimawandel-Leugner bin ich deswegen nicht», ist er überzeugt und fährt los.

Salina Raurica braucht mehr Zeit

Auf seinem Arbeitsweg nach Liestal passiert Weber kleine Oberbaselbieter Gemeinden. «Die grossen Arbeitsplatzgebiete liegen in den Zentren der Agglomeration. Hier im Oberbaselbiet haben wir dafür die KMU-Wirtschaft, vor allem im Bau- und Baunebengewerbe. Wir müssen schauen, dass diese Betriebe nicht aussterben», sagt er und ist sofort der Wirtschaftsdirektor. Auch zum Verschwinden der Dorfläden, der Beizen und Poststellen hat Weber eine klare Meinung: «Wenn man gegen die Schliessung des Dorfladens protestiert, aber selbst nie dort einkauft, so ist das ein bisschen schizophren.»

Weber fährt durch Gelterkinden und Sissach. Diese Subzentren hält er für sehr wichtig, da sich dort immer wieder Unternehmen ansiedeln. Dass aber Gelterkinden im Finanzausgleich noch immer eine Nehmergemeinde ist, stört ihn: «Es müsste gelingen, dass sie auch Geber werden.» Die ganz grossen Fische sollen für den Kanton aber im Prattler Edel-Entwicklungsgebiet Salina Raurica an Land gezogen werden.

Bloss: Ausser Coop ist dort seit Jahren nichts passiert. «Es braucht einfach alles Zeit», bittet Weber um Geduld. Das Allschwiler Bachgraben-Gebiet zeige, dass sich das auszahle. «Ich bin zuversichtlich, dass wir in Salina Raurica dieses oder nächstes Jahr deutlich weiter kommen», so der SVP-Regierungsrat.

Im Autoradio läuft Klassik. Weber steuert seinen Audi entspannt Richtung Wiederwahl. Dass die Wähler ihm das laufende Verfahren wegen ungetreuer Amtsführung im Zusammenhang mit der Arbeitsmarktkontrolle zur Last legen könnten, ist nicht anzunehmen. Zu undurchsichtig ist die Materie, die sich um mögliche Verstrickungen mit der Baselbieter Wirtschaftskammer dreht. Weber selbst nennt es «eine durchsichtige Kampagne genau vor den Wahlen, in der Bagatellen medial aufgebauscht werden». In diesem Moment ist der Schafhirte Weber weit weg. Wahlen sind eine Sache für den Anzugträger.