Dass Basel und Binningen im Zweiten Weltkrieg von Deutschen und Alliierten mehrfach irrtümlich bombardiert wurden, es dabei sogar Tote gab, gehört zum Allgemeinwissen der Region. Dass Muttenz bereits im Ersten Weltkrieg Opfer eines Bombenangriffs einer fremden Kriegsmacht geworden war, wissen hingegen nur die Allerwenigsten. Jetzt erinnert eine Sonderausstellung im Muttenzer Ortsmuseum an dieses Ereignis, das sich am kommenden 6. Dezember zum 100. Mal jährt.

Wobei die Bezeichnung «Sonderausstellung» etwas hochgestochen ist, wie Barbara Rebmann, Mitglied der Arbeitsgruppe Museen, freimütig einräumt. Im Grunde werden nur zwei alte Schwarzweiss-Fotografien und ein Bombensplitter gezeigt. Seit 1972 staubten diese Memorabilien in der Muttenzer Museumsvitrine vor sich hin. Die Geschichte dahinter ist trotzdem bemerkenswert. Erst beim Leerräumen der Vitrinen und einer Neu-Inventur ist den Muttenzer Museumsleuten aufgefallen, welche Merkwürdigkeit sich da in ihrer Sammlung befindet.

Plötzlich knallt es zwei Mal

Im Morgengrauen des Nikolaustages 1917 war es, als Einwohner ein Brummen vom Wartenberg her vernahmen, wie Augenzeugen später berichten sollten. Wenige Augenblicke später zerrissen zwei Explosionen innert Sekunden die Luft. Fensterscheiben in der Umgebung des Friedhofs und des Schulhauses gingen zu Bruch, von den Dächern fielen Ziegel auf die Strassen. Nicht schlecht gestaunt haben dürfte die Familie Balsiger, als sie ins Freie stürmte, um nachzusehen, was soeben passiert war. Zwischen den Obstbäumen klaffte in ihrem Garten ein beträchtlicher Bombenkrater.

Einige Dutzend Meter weiter auf dem Muttenzer Friedhof hatte die Druckwelle des zweiten Bombeneinschlags sogar einen Grabstein umgelegt, wie herbeieilende Neugierige feststellten. Für viel Aufregung im Dorf war an diesem 6. Dezember also gesorgt. Glücklicherweise waren keine menschlichen Opfer zu beklagen.

Was genau damals am Himmel über Muttenz passiert ist, weiss man bis heute nicht. Der Basler Journalist und Historiker Martin Stohler ist der Sache nachgegangen, kann aber auch nur Vermutungen anstellen. Für gesichert scheint, dass es einen Zusammenhang mit den starken Aktivitäten im Luftraum über dem südlichsten Zipfel der Westfront in diesen Winterwochen gegeben haben muss. Nur zwei Tage zuvor war in Allschwil ein deutscher Schlachtflugzeug-Doppeldecker vom Typ Hannover CL.II wegen Benzinmangel notgelandet, was wohl Auswirkungen auf die Filmgeschichte gehabt haben dürfte. Dank seiner Internierung in der Schweiz überlebte der als Beobachter mitgeflogene Leutnant Friedrich Wilhelm Murnau das Weltkriegsgemetzel und drehte fünf Jahre später als Regisseur den expressionistischen Filmklassiker «Nosferatu – Symphonie des Grauens».

Frankreich zahlt Schadensersatz

Ob die Bombardierung von Muttenz aber die Folge eines Irrtums oder eines Unfalls gewesen war, liess sich im Nachgang nicht mehr rekonstruieren. Möglich, dass ein Flieger im Zuge eines Luftkampfs die beiden Bomben über Schweizer Gebiet «verlor». Unwahrscheinlich, dass der Angriff irrtümlich den in Muttenz einquartierten Schweizer Grenztruppen des Infanterie-Bataillons 65 galt. Die Armee, die das Gelände absuchte und alle Überreste einsammelte, stellte fest, dass eine baugleiche französische Bombe neun Monate zuvor auf Porrentruy abgeworfen worden war.

«Folglich reichte auch der Regierungsrat schon am 11. Dezember, wenige Tage nach dem Abwurf, im Auftrag des Bezirksstatthalteramtes Arlesheim den ermittelten Sachschaden von 3920.25 Franken ans Politische Departement weiter zwecks Übergabe an die französische Regierung. Ende April 1918 beglich diese den eingeforderten Schadensersatz mit einer Zahlung an die Eidgenossenschaft. Der Bundesrat liess den Betrag über den Regierungsrat und die Gemeinde an die Geschädigten auszahlen. Damit war die Angelegenheit juristisch bereinigt», heisst es im Beiblatt zur Ausstellung.

Die offenen Fragen sind geblieben. Auch diese: Wie gelangte der Bombensplitter von 1917 ins Muttenzer Ortsmuseum? Barbara Rebmann weiss es nicht. Jedenfalls versteckte die Familie Balsiger das Fragment vor den Armee-Experten und erhielt es so der Nachwelt. Zu sehen ist es an der Sonderausstellung vom letzten November-Sonntag bis zum letzten März-Sonntag, im Dezember bleibt das Museum allerdings geschlossen.

Literatur Martin Stohler: «Dezember 1917. Episoden aus dem Luftkrieg in unserer Region.» In: Baselbieter Heimatblätter, Dezember 2014.