Von wegen Velostadt Basel – die grösste velotechnische Hürde zwischen der Stadt Basel und dem Stedtli Liestal ist nicht im autoverliebten Baselbiet, sondern am Rheinsprung. Ausgerechnet dort, wo im 15. Jahrhundert die Uni entstand, gilt Velofahrverbot. So muss man das Velo zum Münster hoch schieben. Das ist der einzige Abschnitt bis Liestal, wo das nötig ist. Auf dem Münsterplatz ist wieder freie Fahrt, es riecht nach bürgerlich-städtischer Vergangenheit. Das ländliche Baselbiet fühlt sich ganz weit weg an – wäre da nicht der Schriftzug «Reinacherhof» über dem Tor zu einem stattlichen Stadtpalast.

In der St. Alban-Anlage taucht der radelnde Student schon eher in den gewöhnlichen Alltag ein: Mütter spazieren mit Kinderwagen, auf einer Sitzbank lallt ein Alkoholiker, SUVs mit BL-Nummern verweigern am Fussgängerstreifen alten Leuten den Vortritt. Der velounfreundlichste Ort auf der ganzen Strecke ist ebenfalls auf Stadtboden: die St. Jakob-Kreuzung. Der Velostreifen hört genau dort auf, wo es gefährlich wird. Wer kein Risiko auf sich nehmen will, fährt illegal über die Trottoirs, vor dem Einkaufszentrum durch. Dort erhalten die BWL-Studis – diese sollen ja in Liestal studieren – praktischen Marketing-Unterricht. «Best Marketing Campain 2015 Silver Award» steht da auf einem Sticker neben dem Eingang.

Kaum über die Kantonsgrenze, muss der Student sein Vorurteil vom erzbürgerlichen Baselbiet revidieren. Hier empfängt einen das Freidorf, ein schönes Beispiel für genossenschaftlichen Wohnungsbau. Das Thema Wohnen lässt einen auch bei der ehemaligen Rennbahnklinik nicht los. Darin wohnen jetzt Studierende.

In der Nähe entsteht derzeit ein ganzes Wissensquartier, das Polyfeld. Seit Jahrzehnten befindet sich hier die Fachhochschule Nordwestschweiz. Davon merkt man beim Vorbeiradeln aber kaum etwas. Die Infrastruktur hat sich offensichtlich nicht an die vielen Studierenden, die hier das Tram benützen, angepasst. Es gibt Grossgaragen, eine Gärtnerei und bald ein neues Altersheim. Das Einzige, was hier an Bildung erinnert, ist die Primarschulanlage Hinterzweien. Die Zapfhahndichte tendiert gegen null. Das wäre an einem Unistandort Liestal anders.

Der Verkehrsverein sponsert Bänke

Bratwürste! Gebrannte Mandeln! Rösslirytti! Am Muttenzer Dorfmarkt ist schon am Morgen fast kein Durchkommen mehr. Es gibt hier Sennenhemden zu kaufen, einige Männer tragen hemmungslos Vokuhila. Die Baselbieter Polizei verteilt Luftballons und die Industriellen Werke Basel Flaschen mit «Basler Wasser» (das aus Solothurn stammt). Der Markt ist einer dieser Anlässe, wegen dem Eingeborene sagen würden, sie möchten nie woanders leben. Ob aber Studis damit etwas anfangen können? Immerhin gibt es Bier (schon wieder das Klischee des saufenden Studenten).

Nach Muttenz wird es richtig ländlich: Hochstammbäume, Rapsfelder, vom Verkehrsverein gesponserte Sitzbänke. Eine Familie, die eine fremde Sprache redet, sammelt am Waldrand irgendetwas (Bärlauch? Beeren? Brennholz?). Jeder Stromkasten hat mindestens einen FCB-Kleber, wenn er nicht grad ganz rot-blau angemalt ist. Das 14er-Tram, das hier mitten im Grünen wendet, fährt nach «Dreirosenbrücke/Messeplatz». Die Namen klingen wie von einem anderen Planeten.

Zwischen Prattler Gewerbe, Schiessplatz und Umspannwerk ist die GewerblichIndustrielle Berufsschule. Hier wird dem verkopften Student bewusst: Andere wälzen in ihrer Ausbildung nicht nur Bücher – sie lernen sogar, etwas Handfestes zu produzieren. Nebenan hält eine Firma wohl ihren Standort am Rande Prattelns für zu abgelegen. «Wer uns findet der findet uns gut», steht auf ihrem Dach. Sollten in Liestal eines Tages Germanisten studieren, werden sie sich beim Vorbeiradeln über das fehlende Komma ärgern. Und vor der Fassade mit DHL, Post und Logistikunternehmen an die Lehrbücher denken, die hoffentlich bald in ihren Briefkästen landen.

Die Historiker werden die rauchenden Schlote der Prattler Chemie vielleicht daran erinnern, wie es einst im Kleinbasel aussah, wo es inzwischen mehr Studenten-WG als Kamine gibt. Dabei wäre eigentlich Pratteln der ideale Wohnort für Studenten: Alles ist in Velodistanz erreichbar, es gibt Unmengen von Beizen, das Ikea-Restaurant lockt mit preiswerten Mahlzeiten. Die Wohnungen sind günstiger als in Basel, es fährt halbstündlich eine S-Bahn nach Basel – und natürlich auch nach Liestal.

«New York Times» in Pratteln

Im Schatten der neuen Prattler Hochhäuser ist es richtig städtisch. Der Dönerladen heisst «City-Grill», an den Tischen vor der Bäckerei trinkt man Kaffee, der türkische Laden hat eine unübertroffene Auswahl an Shisha-Pfeifen. Der Student hat die Qual der Wahl: Wer hat den schönsten Biergarten – Tramstübli oder Endstation? Im Schatten des Helvetia-Turms hat der Marketing-Student wieder was zu lernen: Der Coiffeursalon heisst «Haarmonie».

Elf Kilometer ist man am Prattler Ortsausgang von Basel entfernt, nach Liestal sinds nur noch sieben. Es ist hier wieder ländlich, oder mit den Worten der Kritiker des Uni-Umzugs: «provinziell». Wobei das wohl wieder eines dieser hartnäckigen Vorurteile ist. Vor einem unscheinbaren Einfamilienhaus steht ein Altpapierstapel voller «New York Times».

Es gibt hier aber auch Geburtsanzeigen mit Storchenmotiv an den Balkonen und erste Schweizerfahnen in den Vorgärten. Davon wimmelt es dann in Frenkendorf, vor dem beeindruckend grossen Robinsonspielplatz sieht man auch die ersten Kühe. Über dem Tal schwebt ein penetranter Güllengeruch, der Pöstler grüsst, es herrscht sogar beim Bahnhof eine idyllische Ruhe. Die hohen Schallschutzwände schützen wirkungsvoll vor dem Lärm der Güterzug-Konvois. Sie führen Container von «Hamburg Süd» oder mit chinesischen Schriftzeichen drauf mitten durchs Dorf.

Hoch und runter und wieder hoch

Nicht ganz so nett wird der radelnde Student in Liestal empfangen: Die Löcher in der Strasse waren wohl für Panzersperren gedacht. Auch wenn das historische Reduit nicht hier begann, kommt es einem ein bisschen so vor. Das Tal ist enger geworden, Deutschland ist nicht mehr zu sehen, dafür um so mehr der Jura. Drei mal muss man als Radler hoch und runter, bis man den Bahnhof sieht. Das künftige Uni-Institut ist dann schon in Griffweite – nur ist es auf der anderen Seite der Schienen.

Also nochmals runter und hoch und an einer unübersichtlichen Stelle links abbiegen – schon ist man am Ort, der Baselland endlich zu einem echten Unikanton machen soll. Derzeit dient er als Parkplatz. Auf einem Subaru kleben zwei Sticker: «Mir si und bliibe Baselbieter» und «Swiss Fleckvieh – die Weidekuh» steht da.

Spätestens jetzt ist der Student im Hauptort des Landkantons angekommen.