Namensschild mit Maulkorb: So war der Verfasser des Nachhaltigkeitsgutachtens zur Sanierung der Giftmülldeponie Kesslergrube, Helmut Dörr, an der Pressekonferenz der «Bürgerinitiative (BI) Zukunftsforum Grenzach-Wyhlen» vertreten. «Da er nichts sagen darf, macht es keinen Sinn, dass er aus Karlsruhe anreist», entschuldigte ihn BI-Sprecher Manfred Mutter.

Gutachter: Maulkorb statt öffentlicher Debatte.

Gutachter: Maulkorb statt öffentlicher Debatte.

Dörrs Gutachten war im Auftrag dreier Parteien entstanden: Gemeinde Grenzach-Wyhlen, Landratsamt Lörrach und BASF. Die beiden Ersten haben Dörr von seiner Schweigepflicht entbunden, BASF nicht. Damit ist es Dörr unmöglich, sich öffentlich gegen die BASF-Kritik zu wehren. BASF hat das Gutachten mit in Auftrag gegeben. Dieses ist aber offenbar nicht so ausgefallen, wie das Unternehmen es gewünscht oder erwartet hatte.

Ein Areal, zwei Sanierungsformen

Worüber wird da mit harten Bandagen gestritten? In der Kesslergrube lagert Chemiemüll aus den 50er- bis 70er-Jahren. Ein Drittel des Geländes muss Roche sanieren, der Rest gehört BASF, seit sie 2009 die Ciba Spezialitätenchemie gekauft hat. Roche will das Problem ein für alle Mal loswerden. Entsprechend nimmt der Basler Pharmakonzern rund eine Viertelmilliarde Euro in die Hand, um den Chemiemüll auf dem Perimeter 1 der Kesslergrube in Grenzach auszugraben und fachgerecht entsorgen zu lassen.

Preisgünstiger soll die Sanierung des doppelt so grossen Perimeters 2 der Kesslergrube ausfallen: Für 28 Millionen Euro will BASF im Boden eine Mauer um die Deponie ziehen, oben einen Deckel draufsetzen und das von unten durch den Fels eindringende Grundwasser abpumpen und reinigen. Beide Methoden sind gemäss deutschem Bodenschutzgesetz zulässig.

Doch welche ist nachhaltiger? Dies sollte Dörr klären und kam zum Schluss, dass kurzfristig 10 von 17 untersuchten Kriterien für den von Roche gewählten Totalaushub sprechen. Langfristig verschiebt sich das Gewicht immer noch weiter in diese Richtung. Nach 1000 Jahren würden alle untersuchten Punkte dafür sprechen, dass die Entfernung des Gifts nachhaltiger ist.

Trotzdem erklärte BASF am Tag nach der Veröffentlichung, sie halte an ihrer Methode der Einkapselung fest. Unter anderem habe Dörr falsche Daten verwendetet. Ein Vorwurf, gegen den er sich – deshalb der Maulkorb vor dem leeren Stuhl – nicht wehren kann. «Wir möchten die Deutungshoheit über das Gutachten nicht allein Dörr überlassen», begründet BASF ihre Haltung. «Daher haben wir entschieden, ihn nicht von seiner Verschwiegenheitspflicht zu entbinden.»

Notfalls Juristenfutter

Im Herbst soll das Landratsamt Lörrach entscheiden, ob es den Sanierungsplan für verbindlich erklärt. Die BI befürchtet, das BASF-Projekt könnte bewilligt werden. Darum möchte sie «in quasi letzter Minute ein Umweltdebakel verhindern, das seinesgleichen sucht». Sie fordert auch von BASF den Totalaushub à la Roche.

Jörg Lutz, Bürgermeister von Grenzach-Wyhlen und frisch gewählter Oberbürgermeister von Lörrach, unterstützte an der Pressekonferenz diese Position: «Ein vergleichendes Gutachten macht nur Sinn, wenn das Ergebnis von beiden Seiten akzeptiert wird. Doch BASF sagt nun: ‹April, April!› Das Einkapseln wird aber nicht nachhaltiger, wenn man die Mauern tiefer oder dicker macht oder sie rosa anstreicht.» Auf das ganze BASF-Areal bezogen erklärte er für den von vielen erwarteten Fall, dass die Chemieproduktion ganz aus Grenzach abgezogen würde: «Um 36 Hektar in der Agglomeration Basel gewerblich zu entwickeln, ist eine eingekapselte Altlast ungünstig.» BI-Sprecher Mutter legt dar, weshalb im Fall Kesslergrube die beiden Sanierungsmethoden nicht gleichwertig seien. Unter anderem stelle die Giftigkeit der Deponie wegen der Nachbarschaft zum Siedlungsgebiet eine erhebliche Belästigung der Bevölkerung dar, weswegen andere Paragrafen anzuwenden seien. Entsprechende Anwaltskanzleien seien bereits für allfällige Einsprachen kontaktiert worden. BI-Mitglied Peter Donath macht zudem darauf aufmerksam, dass auch die Schweiz vom Sanierungsstreit betroffen sei.

Schweizer zurückhaltend

In der Tat liegt das Trinkwasserfassungsgebiet Hard direkt gegenüber der Kesslergrube. Alberto Isenburg, Leiter des Baselbieter Amts für Umweltschutz und Energie, verneint jedoch eine Gefährdung: Das Grundwasser fliesse in Richtung Basel-Stadt und der Grundwasserberg im Hard halte Giftstoffe aus allen Richtungen von Trinkwasserbrunnen fern. Dem hält die Grenzacher BI entgegen, der Grundwasserberg wirke in der Kiesschicht, aber durch den darunter liegenden Karstfelsen sei der Eintrag von Schadstoffen möglich. Altlastenexperte Martin Forter verweist darauf, dass die Grundwasserströme im Karst nicht systematisch untersucht seien.

«Ich bin Prozessingenieur und für die Trinkwasserqualität zuständig, und nicht Altlastenexperte», wehrt Thomas Gabriel von der Hardwasser AG ab. «Grundsätzlich ist aber alles, was dem Grundwasserschutz dient, willkommen. Wenn man im Lauf einer Sanierung auf neue Fakten stösst, sollte man darauf flexibel reagieren.»

«Generell halte ich den Aushub für die nachhaltigere Variante», meint Paul Svoboda, Abteilungsleiter Gewässerschutz Basel-Stadt. Der Kanton äussere sich aber nicht zu den Gesetzen eines anderen Landes. Ein allfälliges Einsickern von Schadstoffen aus der Kesslergrube würde durch die feinen Messmethoden der Rheinüberwachungsstation schnell entdeckt. Die Pumpe, die im Einstau Birsfelden dem Rhein für die Versickerung in den Langen Erlen Wasser entnimmt, könnte man dann sofort abstellen. Auch die IWB erklärt: «Die Wahl der richtigen Sanierungsmethode obliegt den zuständigen Behörden.»

BASF will in Grenzach bleiben

BASF-Sprecher Franz Kuntz betont: «Die Einkapselung ist eine vielfach bewährte Sanierungsmethode.» Umwelt und Bevölkerung würden dauerhaft geschützt.

BASF werde bis Ende 2018 mehr als 40 Millionen Euro ins Werk Grenzach investieren und die Modernisierung von Produkten für die Sonnenschutzpflege und Kosmetik investieren. Dafür benötige sie nicht das ganze Areal und habe Interesse, weitere Industriebetriebe anzusiedeln.