Sie wohnen direkt am Rhein, am Nadelberg, in Riehen, führen unzählige Firmen, unterstützen die hiesige Kultur, doch der breiten Öffentlichkeit sind sie weitgehend unbekannt: die Grisards. Die Familie steht nicht nur hinter einem der grössten Immobilienfirmen der Schweiz, sondern auch für ständige Veränderung. Und während der eine Familienzweig in die Digitalisierung investiert, ist der andere Teil der Familie auf dem Rückzug.

Eineinhalb Jahre ist es her, als mit Gustav Grisard der wohl bekannteste Exponent der Familie in seinem 86. Lebensjahr starb. Zu seinem Tod schrieb der Basler Anwalt Michael Pfeifer einen Nachruf: «Jedweder Dünkel, sei es betreffend Stand, sei es betreffend Funktion, war ihm fremd». Pfeifer zeichnet das Bild eines erfolgreichen Menschen aus einer gutsituierten Familie. Dass der Nachruf von Pfeifer stammt, einem Partner in der Basler Anwaltskanzlei Vischer, ist bezeichnend: Die Grisards sind seit langem Teil der Elite der Stadt Basel. Auch wenn Sie ihre Spuren ungleich feiner hinterlassen haben als die der Burckhardts, Merians und Vischers.

Johann Gustav Grisard (1870-1940) steht am Anfang der Familiengeschichte als Unternehmer. Er lancierte die G. Grisard AG, die später zu den Gründungsmitgliedern der Benzingesellschaft Avia gehören wird. Er handelte mit Motorfahrzeugen, als einer der ersten in Europa, wie es in der Publikation «Basel in der guten alten Zeit» heisst, und er war Erfinder eines Mehrganggetriebes für Schiffsschrauben. Sein Sohn Gustav Grisard übernahm dieses Unternehmen. Dessen Söhne wiederum, Gustav Erik Grisard und Ronald Grisard, haben die Tradition der erfolgreichen Unternehmer weitergeführt. Wenn auch in unterschiedlichen Geschäftsgebieten.

Die Grisards und das Holz

Gustav Erik Grisard heiratete in die Familie Schmidheiny ein. Einer der grossen Unternehmerfamilien des letzten Jahrhunderts, die die Schweizer Wirtschaft prägten. Gustav Erik Grisard übernahm 1965 die Holzindustrie AG, heute besser bekannt unter der Abkürzung Hiag. Die Unternehmensgruppe war im Holzhandel engagiert, hatte eigene Sägewerke, produzierte Paletten, Zündhölzer und vieles mehr. Bekannte Marken Pavatex oder Novopan gehörten zum Hiag-Imperium. Unter der Führung von Gustav Erik Grisard wuchs Hiag zu einem komplexen Firmenkonstrukt an.

Sein Engagement bei der Firma brachte ihm weitere Posten ein. So sass er bei Ringier – teilweise auch in der Holzindustrie tätig – und bei der Mobiliar im Verwaltungsrat, war Bankrat bei der Schweizerischen Nationalbank, Präsident der Vereinigung des schweizerischen Import- und Grosshandels und Vizepräsident der Vorgängerorganisation von Economiesuisse. Gustav Erik Grisard war in der obersten Etage der Schweizer Wirtschaft angekommen. Sein Unternehmen expandierte derweil weiter. 2000 gehörten rund 30 Tochtergesellschaften zur Hiag. Das Vermögen seines Familienzweigs schätzt die «Bilanz» 2018 auf 600–700 Millionen Franken.

Gustav Eriks Sohn Felix übernahm im Jahr 2002 bei Hiag den Chefposten. Und baute in der Folge das Geschäft radikal um: weg vom Holz, hin zu Immobilien. Alte Standorte von Sägewerken wurden umgenutzt, das Immobilienportfolio erweitert. Das, bis jetzt, erfolgreiche Vorgehen: Hiag kauft sich Industriegebiete, teilweise bereits brachliegend, entwickelt sie etwa zu Wohngebieten und steigert so ihren Wert. Aus dem Holzbusiness hat sich das Unternehmen verabschiedet. Felix Grisard hat Hiag aber nicht nur aus dem Holzgeschäft zurückgezogen. Sondern auch ein neues Geschäftsfeld etabliert: Hiag Data als digitales Standbein. Die Firma baut Rechenzentren auf Hiag-Grundstücken.

Die Grisards und das Öl

Das Ölgeschäft von Johann Gustav Grisard führte Gustav Eriks Bruder Ronald in der dritten Generation weiter. Zum Unternehmen gehörten nicht nur die Beteiligung an Avia, sondern etwa auch die Grisard Bitumen oder Macadam. Heute betreibt die Gruppe über 60 Avia-Tankstellen. Ronald Grisard selbst war als Präsident des Heimatschutzes ebenfalls gesellschaftspolitisch aktiv und lebt heute noch in Basel.

Er übergab in den 2000er-Jahren sein Geschäft an seinen Sohn Adrian Grisard. Mit ihm verlässt nun der letzte Grisard-Spross das Geschäft, das sein Urgrossvater gegründet hatte. Denn er hat seinen Teil des Grisard-Imperiums verkauft.

Ende des vergangenen Jahres übernahm die Volare Group AG 100 Prozent der Advitec, der Holdinggesellschaft der Grisard-Unternehmen. Adrian Grisard trat aus dem Verwaltungsrat aus. Diese Woche schied er bei einer weiteren Grisard-Firma aus.

Die Volare Group

Ramon Werner ist Chef bei der Aargauer Volare Group. Er sagt: «Die Grisard Gruppe passt sehr gut zu unseren eigenen Geschäftsfeldern.» Volare betreibt in der Schweiz rund 470 Tankstellen, etwa die Rudi Rüssel Tankstellen, teilweise mit Shops, die unter dem Namen Aperto geführt werden.

Dazu kommt ein Öl-Tradinggeschäft, Ledermöbelhersteller «de Sede», holzverarbeitende Betriebe und ein Immobilienbereich. «Der Name Grisard wird weiter bestehen. Ist er doch eine bekannte Marke, gerade in Basel.» Auch der Standort Basel soll erhalten bleiben, die Mitarbeiter übernommen werden, sagt Werner. Ob die über 60 Tankstellen von Grisard in Zukunft noch den Namen Avia tragen, werde in den nächsten Monaten entschieden.

Der eine Cousin investiert also in die digitale Zukunft, der andere verkauft das Geschäft: Die Unternehmerfamilie Grisard verändert sich. So wie sie es im letzten Jahrhundert immer getan hat. Von Öl zu Holz, Immobilien und Rechenzentren. Und zumindest ein Teil der Familiendynastie ist nicht mehr.