«Mein Blick fällt natürlich zuerst auf die Geburtsszene, dann ist er aber sofort Richtung dunklen Himmel geschweift. Da hat es Lichtstreifen, ich nehme an, es sind die Spuren der Engelserscheinung. Vorne, bei der Krippe, hat es ein scharfes Licht. Da hat es einen Stall oder einen Unterstand, es ist eine Behelfskonstruktion, mit einem Dach, das kaum einem grösseren Wind standhält.

Er steht in einer Ruine. Vielleicht war es einmal ein griechischer Tempel mit Säulen. Eine davon liegt am Boden. Das alles ist in grelles Licht getaucht, während das Licht in dem bescheidenen Stall drin arm und freundlich ist. Mir kommt es vor, wie wenn es nicht eine Beleuchtung wäre, die irgendwo angebracht ist, sondern wie wenn das Licht vom neu geborenen Kind ausgehen würde.

Bei uns stürzen die Tempel ein

Was mich sehr beeindruckt, ist dieser dunkle, bedrohliche Himmel, der fast die Hälfte des Bildes ausmacht. Er hat etwas Endzeitliches, davor noch dieser zusammengestürzte Bau. Das ist ein Bild, das leider wunderbar in unsere Zeit passt. Bei uns fallen im Moment die Tempel des Geldes, vieles sieht bedrohlich aus. Dinge, von denen man sich nicht vorstellen konnte, dass sie einmal zu Ende gehen, sind plötzlich nicht mehr sicher.

Dafür steht die Ruine dieses griechischen Tempels. Mittendrin scheint und erscheint ein warmes Licht von diesem neugeborenen Kind. Das ist ein starkes Zeichen der Hoffnung. Weil es in dieser Ruinenlandschaft mit diesem bedrohlichen Himmel steht, hat es nichts Gefühlsduseliges oder Kitschiges. Es ist ein unglaubliches Zeichen, dass da jetzt ein warmes Licht kommen soll, etwas Hoffnungsvolles, das noch ganz am Anfang ist. Das fasziniert mich.

Mir fallen einige kleinere Dinge auf: Es ist nicht nur eine Krippe da, die an Jesus erinnert. Mich lässt dieser Holzbalken etwa in der Mitte des Bildes an ein Kreuz denken. Im Stall hat es etwas, das aussieht wie ein Galgen. Oben, über dem Stall, hat es abgestorbene Pflanzen, die mich an eine Dornenkrone erinnern. Ich halte es für denkbar, dass der Künstler mit einem Code hier andeutet, wie es weitergeht mit diesem Kind, dass das, was da in diesem Stall geschehen ist, nur ein Anfang ist.

Bei den Hirten sehe ich Zelte. Das habe ich noch nie so dargestellt gesehen. Zelt und Gotteserscheinung, das kommt im alten Testament vor, in einer speziellen Geschichte, in der drei Gestalten zu Abraham kommen. Erst mit der Zeit stellt sich heraus, dass die drei Gestalten für Gott stehen. Sie diskutieren mit Abraham über seinen Sohn, den er und Sarah bald erhalten sollen und sie sagen ihm dann, dass Gott Sodom und Gomorrha untergehen lassen werde. Abraham beginnt mit Gott zu feilschen, ob er die Städte nicht stehen lassen könnte, wenn sich 50 Gerechte fänden, und versucht Gott dann herunterzuhandeln auf immer weniger Gerechte. In der Geschichte ist von kaputten Städten die Rede, hier auf dem Bild sind schon Ruinen. Das Gotteskind bringt hier aber nicht Vernichtung, sondern Hoffnung und Liebe.

Im Kind beginnt etwas Neues

Der Gott, der da kommt, ist ganz klein dargestellt in diesem Bild, am Rand. Aber ausgerechnet in diesem Kind beginnt etwas Neues. Es ist das Kind von zwei ganz normalen Menschen, die aufgrund einer Zählung von Kaiser Augustus in diesem Stall gelandet sind. Die Weihnachtsgeschichte beginnt mit dieser Zählung des römischen Gottkaisers und endet mit diesem kleinen Kind. Das sagt uns in unserer Zeit: Nicht die Zahlen sind das Wesentliche, sondern das Kind, der einzelne Mensch.

Menschen statt Zahlen

Mir haben diese Woche unabhängig voneinander Menschen aus so unterschiedlichen Gebieten wie Pflege, Radio und Industrie erzählt, wie bei ihnen die Zeit bis auf fünf Minuten genau abgerechnet wird. Auch Qualität wird nur noch in Zahlen ausgedrückt. Die Menschen verschwinden hinter den Zahlen. Die Weihnachtsgeschichte sagt: nein. Mit den Zahlen kann man nur einen Teil der Wirklichkeit darstellen. Was den Menschen ausmacht, das braucht nicht Zählung, sondern Erzählung.

Im Erzählen der Weihnachtsgeschichte und von meiner eigenen Geschichte, die ich in diese grosse Geschichte hineinschreibe, passiert Begegnung, eine Begegnung mit dem Nächsten, aber schnell auch mit mir selber und im Letzten auch Begegnung mit Gott. Wo das passiert, kommen wir durch die Weihnachtsgeschichte in eine Gegenbewegung. Es ist eine kleine Revolution oder mindestens eine Mahnung, dass die Welt der Zahlen, die Welt des Untergangs, der Angst, der Bedrohung, nicht das letzte Wort ist, das gesagt wird. Das letzte Wort sagt im christlichen Glauben Gott.

Die Ersten sind die Hirten

Dass die Hirten in gewisser Hinsicht die bevorzugten Protagonisten in dieser Geschichte sind, das liegt daran, dass sie zur untersten Schicht gehören in der Gesellschaft. Es sind die Menschen, die niemand ernst nimmt, die nichts gelten. Ausgerechnet diese Menschen werden eingeladen durch ein himmlisches Schauspiel. Auf dem Bild stehen die letzten Hirten immer noch draussen und schauen dem letzten Engelsschein nach. Zwei Hirten stehen vor der Tür und haben den Hirtenstab so in der Hand, dass sie auch zuschlagen könnten, so misstrauisch sind sie.

Am Schluss kommt es immer darauf an, ob man dem Ruf des warmen Lichts folgt. Es braucht offensichtlich Mut, die Schwellenangst zu überwinden und in den Stall zu gehen. Die drei Könige, die laut Bibel ja nicht Könige, sondern Weise waren, die erkennen konnten, dass eine bestimmte Sternenkonstellation eingetreten ist, beweisen, dass das Kind nicht nur für die einfachen Leute auf die Welt gekommen ist. Auch später, bei den Jüngern von Jesus, hatte es einen, der wahrscheinlich zu den Pharisäern gehört hat. Die Gebildeten und die Weisen waren also schon auch da.

Kind als Versöhnungsangebot

Dieses kleine Kind ist das Versöhnungsangebot von Gott, das ist das Entscheidende. Es ist wichtig, sich damit auseinanderzusetzen, sich zu fragen, was es für einen selbst bedeutet. Es geht nicht um komplizierte Regeln. Es geht um die Geschichte, wie sie auf diesem Bild dargestellt ist. Es geht nicht darum, Säulen oder Sicherheiten zu finden, die vielleicht morgen schon brüchig sind. Das sind Hilfskonstruktionen. Der Stall erinnert uns daran, dass das, was wir als Sicherheit anschauen, etwas sehr Vorläufiges ist, das immer wieder bedroht ist. Die Frage an uns ist, wie wir dazu beitragen können, dass die Hoffnung, die in diesen Ruinen zur Welt gekommen ist, weiterleben wird.»

Martin Dürr ist Pfarrer im Industriepfarramt beider Basel.