769 Baslerinnen und Basler wollen in den Grossen Rat - 168 (21,8 Prozent) von ihnen kandidieren nicht dort, wo sie eigentlich wohnen. Vize-Staatsschreiber Marco Greiner hat für die bz ausgewertet, welche Parteien am meisten Fremdgänger haben. Den ersten Platz belegt das Grüne Bündnis (29 Prozent), gefolgt von der SP (25 Prozent), der FDP (22 Prozent) und der CVP (20 Prozent).

Der Kanton Basel-Stadt besteht aus fünf Wahlkreisen: Grossbasel West, Grossbasel Ost, Kleinbasel, Riehen und Bettingen. Kein Gesetz verbietet, dass jemand, der im Gundeli wohnt, sich im Wahlkreis Kleinbasel aufstellen lässt. Das wäre, wie wenn jemand in Basel-Stadt für den Nationalrat kandidiert, aber in Zürich Wohnsitz hat (was übrigens ebenfalls erlaubt ist).

Ein taktischer Schachzug

Ein prominentes Beispiel ist die Grüne Kandidatin Anita Lachenmeier. Die ehemalige Nationalrätin wohnt im Kleinbasel, kandidiert aber für Grossbasel West. Sie gibt offen zu, dass das ein taktischer Schachzug ist: «Die Geschäftsleitung hat so entschieden.» Im Wahlkreis Grossbasel West treten dieses Jahr einige prominente Grüne Köpfe nicht mehr an, darunter der ehemalige Parteipräsident Jürg Stöcklin. Das Kalkül: Mit der prominenten Anita Lachenmeier kann man dort Wählerstimmen auffangen. Lachenmeier selbst hat damit keine Probleme: «Mir kommt es nicht so drauf an, wo ich kandidiere. Ich habe letztes Jahr Wahlkampf für den Nationalrat gemacht und kenne dadurch alle Quartiere in Basel.»

So taktisch wie die Grünen geht keine andere Partei vor - zumindest sagt es keine so offen. Eine Rolle spielt der Wahlkreis aber für alle. FDP-Präsident Dani Stolz rät den Kandidaten, «sich gut zu überlegen, wo sie kandidieren.» Wenn jemand beispielsweise in einem Wahlkreis wohne, aber in einem anderen ein Geschäft mit viel Laufkundschaft habe, mache es Sinn, nicht im «Heimwahlkreis» anzutreten. Eine Rolle spielt zudem, ob jemand von einem Stadtteil in den nächsten umgezogen ist, seine politische Basis - und damit auch die Wähler - aber am alten Ort hat. «Weil Basel eine Stadt ist, zügelt man relativ viel herum», sagt SP-Präsident Martin Lüchinger. Auch in seiner Partei rät man den Kandidaten, dort anzutreten, wo sie am besten verankert sind.

Kleinbasel besonders attraktiv

Auffällig ist: Das Kleinbasel scheint besonders attraktiv für «Auswärtige» zu sein. Mehr als 30 Prozent der Kandidaten wohnen gar nicht dort, auffällig viele kommen aus Riehen (siehe Grafik).
Einer von ihnen ist SVP-Kandidat Karli Schweizer. Bei ihm hat dies Familientradition: «Bereits mein Vater und Grossvater kandidierten im Kleinbasel und wohnten in Riehen.» Er glaubt, dass das Kleinbasel so beliebt sei, weil man dort viel bewegen könne: «Das Kleinbasel ist kein einfaches Quartier. Es hat viele soziale Probleme, doch es hat einen besonderen Charme.»

Ein Problem für die Politiker sind die vielen «Fremden» in den Wahlkreisen nicht. Für sie werden deswegen einzelne Wahlkreise nicht schlechter repräsentiert als andere. Auch am System der Wahlkreise wollen die meisten festhalten. Grünen-Kandidatin Anita Lachenmeier begründet: «Man kann ja nicht 100 Kandidaten für den Grossen Rat wählen. Die Wahlkreise sorgen für eine gewisse Übersicht.» Wenn schon sollte es für Riehener nicht erlaubt sein, in Basel zu kandidieren, weil es sich ja um eine andere Gemeinde handelt, findet Lachenmeier.

Einzig SP-Chef Lüchinger findet die Abschaffung der Wahlkreise «einen Gedanken wert»: «Bei einem so kleinräumigen Kanton wie Basel kann man das schon diskutieren.»