Der Jubel der letzten Saison ist verklungen. Lange hallte die Freude über den sensationellen dritten Tabellenrang nach, nicht nur in der CIS-Halle, sondern auch in den Köpfen der Spieler und der TVS-Fans. Und während man sich in schlechten Zeiten an die Gewissheit klammert, dass alles Leid ein Ende hat, so ist gewiss, dass das gleiche Schicksal auch dem Schönen und Guten widerfährt. Denn die Zeit ist das Feuer, in dem alles Vergängliche verbrennt. Der Sport ist dafür das perfekte Beispiel. Was zählt der Erfolg von heute denn morgen noch?

Im Bewusstsein dieser Tatsache stellte der frühere deutsche Bundestrainer Sepp Herberger – seines Zeichens zwar Fussballer, aber das Zitat trifft für jeden Sport zu – einst treffend fest, dass «nach dem Spiel vor dem Spiel» ist. Eine Stufe grösser gedacht ist somit «nach der Saison vor der Saison». Und niemand im TV Solothurn ist sich dessen mehr bewusst als der Trainer und ehemalige Internationale Marco Kurth. Als Profi galt für ihn dieses Credo in einem noch höheren Ausmass als im Leistungs- oder sogar Breitensport.

Viele neue Spieler mit enormem Potenzial

So konnte sich die Mannschaft trotz Erfolg und langer Saison nicht eines ausgedehnten Urlaubs erfreuen. Nach nur drei Wochen Auszeit rief Kurth seine Truppe bereits wieder zusammen: «In der ersten Vorbereitungs-Phase legte ich den Schwerpunkt zu rund zwei Dritteln vor allem auf die Physis. Und auch das restliche, handballerische Drittel war anstrengend gehalten.» Logischerweise sei das Verhältnis in der zweiten Phase nun umgekehrt und es werden vermehrt taktische und spielerische Elemente angeschaut. Dennoch sei die Intensität auch jetzt noch bewusst sehr hoch, denn mangelnde Ausdauer wird in der NLB schnell bestraft und ist während der Saison nicht mehr aufzuholen.

Eine weitere Herausforderung für Marco Kurth war im Hinblick auf die kommende Meisterschaft, dass er gleich sieben neue Spieler in die Mannschaft integrieren musste – kein einfaches Unterfangen. «Aber es sind alles Spieler, die viel Qualität und Talent mitbringen», so der gebürtige Biberister, «Zwei Flügel- und ein Rückraumspieler (Lars Hofer, Andri Kähr und Nico Eggimann, Anm. d. R.) sind Junioren-Nationalspieler. Dazu kommt mit Oliver Räz ein linker Flügel, der mehrere Jahre NLA gespielt hat». Mit Ben Helmy (aus der U19 Elite) und Max Freiberg (Doppellizenz mit BSV Bern Muri NLA) stiessen zwei weitere talentierte Aufbauspieler fix zum TV Solothurn.

Segen und Fluch eines Ausbildungsvereins

Dass der TV Solothurn jedes Jahr eine grössere Anzahl Abgänge verkraften muss, daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Als Ausbildungsverein wird der Klub immer ein Sprungbrett sein für hochtalentierte Spieler, die den Schritt in die höchste Liga anstreben. Dank des guten Trainer- und Betreuerstabs, der die Jungtalente weiterbringt, muss man sich aber trotzdem keine Personalsorgen machen. Gerne lassen NLA-Vereine wie der BSV Bern Muri und der HSC Suhr Aarau nämlich ihre Rohdiamanten in Solothurn zuschleifen.

Sogar ein kleiner Transfercoup gelang dem TVS – mit der Verpflichtung von Sven Schafroth. Der Rückraummitte spielte bereits während mehrerer Saisons bei Solothurn, war jedoch beim NLA-Team des BSV Bern unter Vertrag. Schafroth wechselte Mitte letzte Saison wegen grosser Verletzungssorgen bei GC/Amiticia leihweise zu den Zürchern in die NLA.

Mehr Verantwortung für Kurth

Für die kommende Spielzeit hat er sich jedoch gegen Angebote aus der höchsten Liga und für den TV Solothurn entschieden. Da Marco Kurth künftig nicht mehr selber auf dem Spielfeld steht, kommt Schafroth eine besondere Rolle zu. «Er wird viel Verantwortung auf dem Feld übernehmen müssen, da er bereits Erfahrung auf NLA-Niveau hat und als Rückraummitte der Organisator des Angriffsspiels ist», stellt Kurth klar.

Schafroth wird die Abwesenheit des 150-fachen Nationalspielers Marco Kurth aber nicht alleine vergessen machen müssen. «Mit Nicolo Moggi haben wir einen sehr starken Kreisläufer in unseren Reihen und wenn Mathias Blaser (Rückraum links) verletzungsfrei bleibt, hat er nach wie vor ein riesiges Potenzial und kann den Unterschied machen», so Kurth. Zudem wolle man mit den blitzschnellen Flügeln mittels Tempo-Gegenstössen pro Spiel drei bis vier «einfache» Tore mehr erzielen als noch im letzten Jahr.

Wird der letztjährige Erfolg zur Belastung?

Einen grossen Vorteil hat Trainer Kurth, denn das Prunkstück der letzten Saison, die Abwehr, blieb unverändert. Die zwei hervorragenden Abwehrspieler Martin Beer und Tom Althaus im Zentrum spielen weiterhin für Solothurn. Flankiert werden sie von den Gebrüdern Blaser, was im Schnitt einen gut 1.97 Meter hohen und insgesamt 389 Kilogramm schweren Abwehrwall mit ordentlich Wasserverdrängung ergibt.

Genau diese Defensive war ein entscheidender Erfolgsfaktor in der letzten Saison. Eine Saison, die den Solothurnern zwar einen riesigen Erfolg bescherte, sich im Nachhinein aber auch als Bürde erweisen kann.

Schon wieder Underdog

Mit knapp 24 Jahren Altersdurchschnitt stellt der TV Solothurn eine sehr junge Mannschaft und finanziell hat der Verein bei weitem nicht die Möglichkeiten anderer NLB-Teams. Auf dem Papier findet sich der TVS also schnell in der Underdog-Rolle wieder. Mit dem dritten Platz jedoch hat sich das Team dennoch auf die schweizerische Handball-Landkarte gespielt. Dies zeigt sich auch daran, dass in der Vorbereitung Wacker Thun, seines Zeichens Schweizer Meister, für ein Testspiel anklopfte, ebenso der BSV Bern zur Eröffnung seiner neuen Halle.

Startet am 1. September die NLB-Meisterschaft, wird kein Gegner den TV Solothurn als Aussenseiter betrachten. Entsprechend vorsichtig mit dem Saisonziel gibt sich daher Trainer Marco Kurth: «Wir dürfen uns von dem dritten Platz nicht blenden lassen. Wir haben letztes Jahr Mannschaften hinter uns gelassen, die bei einem normalen Saisonverlauf eigentlich vor uns sein müssten.» Dennoch habe sich gezeigt, was mit harter Arbeit, Talent und akribischer Matchvorbereitung alles möglich sei.

Die goldene Mitte

Für die kommende Spielzeit bleibt Kurth vorsichtig, da er «kein Freund von Rangvorgaben» sei. «Als Ausbildungsverein machen wir immer den Spagat zwischen der Ausbildung junger Talente und dem Punktesammeln», erklärt der 35-Jährige, «Ab und zu gibst du Punkte ab, da du den Jungen mehr Spielzeit gibst und diese vielleicht den ein oder anderen Fehler machen, aber nur mit Spielpraxis können sich die Spieler verbessern und aus Fehlern lernen.

Ich versuche da den Mittelweg zu finden zwischen Ausbildung und Punkten.» Sei man realistisch, werde es sicherlich schwer, noch einmal auf dem Podest zu landen. Für den Ausbildungsverein TV Solothurn geht es darum in erster Linie darum, möglichst bald den Ligaerhalt zu sichern und im gesicherten Mittelfeld zu spielen. Eigentlich also so wie jedes Jahr. Einfach dass der Underdog TV Solothurn in der kommenden Saison für einmal den Anzug eines Favoriten trägt.