Die 16-jährige Nicole-Denise Schalla wurde Opfer eines Sexualverbrechens und starb in der Nähe ihres Elternhauses. Den Abend an jenem verhängnisvollen 13. Oktober 1993 verbrachte sie bei ihrem Freund. Bei der Heimfahrt musste sie mehrmals mit dem Bus umsteigen. Nach über einer Stunde erreichte sie gegen 22.40 Uhr die Busstation an der Willstätter Strasse in Dortmund-Huckarde. 100 Meter von ihren Elternhaus entfernt. 

Eine Zeitungsverträgerin fand ihre Leiche am nächsten Morgen in der Einfahrt zu einer Schule. Den Ermittlern war sofort klar: Nicole war vergewaltigt und ermordet worden. 

Ihren Walkman fanden die Ermittler am nächsten Tag am Tatort. Er war noch eingeschaltet. Die Batterien waren leer. Wahrscheinlich hat sie den Mann, der wohl mit ihr aus dem Bus ausgestiegen ist, von hinten nicht kommen hören. 

Die Wende

Fast 25 Jahre lang tappten die Ermittler im Dunkeln. Auch ein Beitrag bei "Aktenzeichen xy ... ungelöst" brachte keinen Erfolg. Doch am Donnerstag folgte die grosse Wende im Mordfall: Die Ermittler gaben an einer Pressekonferenz im Dortmunder Polizeipräsidium bekannt, dass sie einen Verdächtigen festgenommen haben. Es handelt sich um einen heute 52-Jährigen. 

Die Ermittler sind sich völlig sicher: Dieser Mann ist der Mörder von Nicole. Sie haben ihn mit einer DNA-Analyse überführt.

Staatsanwalt Henner Kruse: «Die Spur wurde an einem unbekleideten Teil des Opfers gefunden. Mit einer riesig hohen Wahrscheinlichkeit ist die DNA ihm zuzuordnen.»

Oberstaatsanwalt Henner Kruse bezifferte, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass die DNA vom ihm stammt: «Der Wert liegt bei 10 hoch 21.» Das bedeutet: Nur ein Mensch von 1 Trilliarden hat eine solche DNA. 

Die Pressekonferenz der Polizei Dortmund zum Mordfall Nicole

Der Mann ist polizeibekannt: 2003 kam er wegen sexueller Nötigung für zwei Jahre ins Gefängnis. Er hatte mehrere Frauen von hinten attackiert. Das Gericht ordnete anschliessende Sicherungsverwahrung an. Aus dieser wurde der Sexualtäter nach sechs Jahren, also 2011, entlassen. 

Die Polizei nahm den Mörder von Nicole in seiner Wohnung fest. Die Beamten trafen den Sozialhilfe-Empfänger mit seiner Lebensgefährtin an.

"Ich habe ihm den Tatvorwurf gemacht", erzählte Kriminalhauptkommissar Uwe Block. "Er hat mich wortlos, mit recht starrem Blick angeschaut, einige Sekunden gar nichts gesagt. Und dann bestritten, den Mord begangen zu haben."

Ganz anders die Reaktion von Nicoles Familie: "Sie waren hin- und hergerissen zwischen Freude und Trauer", erzählte  Block. Der Kommissar hatte den Fall im Jahr 2000 übernommen. "Die Akten standen über all die Jahre in meinem Büro."

Die Schul-Einfahrt – hier wurde Nicole gefunden.

Die Schul-Einfahrt – hier wurde Nicole gefunden.

Die DNA-Methode, dank der die Ermittler dem Mörder nach 25 Jahren doch noch auf die Schliche kamen, ist neu. Damals waren die DNA-Untersuchungen "noch in den Anfängen", erklärte Block. "Man hatte noch nicht die Möglichkeiten von heute."

Dazu kam: In der Tatnacht regnete es. "Der Leichnam wurde im Grunde abgespült." Viele Spuren waren am nächsten Morgen schon weggewaschen. 

Noch in den 90er-Jahren, aber auch um 2000 wurden DNA-Untersuchungen durchgeführt. "Auch 2007 oder 2008 mit einer neuen Methode", sagte Block. Auch wurden von 100 Personen Speichelproben genommen, die man nicht zu 100 Prozent als Täter hatte ausschliessen können. 

Grosse Fortschritte bei DNA-Analysen

Bei der neuen Methode handelt es sich um einen sogenannten Einzelschuppennachweis. Die Ermittler hielten bewusst Spurenmaterial zurück, um bei den DNA-Analysen nicht alles zu verbrauchen.

"Im Bereich der DNA gibt es wahnsinnige Sprünge in den letzten 20 Jahren", sagte Kriminalhauptkommissar Nobert Krüger. So ist es möglich, dass gewisses Spurenmaterial plötzlich untersucht werden kann. 

Der Einzelschuppennachweis sei sehr zeitaufwändig. Im Mordfall Nicole liess sich dank dieser Methode eine Hautschuppe feststellen. Bei der DNA-Analyse kam es daraufhin zu einem Treffer mit dem 52-Jährigen. Auf dem Radar der Ermittler war er nie gewesen. 

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Ab Minute 38: "Aktenzeichen xy ungelöst" über den Mordfall Nicole Schalla (08.04.1994)