Seit ich wieder arbeite, fühle ich mich des Öfteren zerrissen – kennt ihr das? Am Morgen rausgehen und das Baby verlassen fällt unglaublich schwer und gleichzeitig tut das «Rauskommen» gut. Trotzdem bin ich froh, dass ich mein Pensum drastisch reduziert habe. Und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr regt mich unsere Leistungsgesellschaft auf. Was soll das eigentlich alles? Was zählt am Ende? Geld und Status oder Leben und Liebe? Nie möchte ich, wenn ich alt und grau bin, bereuen, zu wenig Zeit mit der Familie verbracht zu haben.

Mein Mann und ich haben uns ein Baby gewünscht und wurden vom positiven Schwangerschaftstest erst mal freudig aus der Bahn geworfen. Für mich wäre es nicht stimmig, das kleine Leben jetzt hauptsächlich fremdbetreuen zu lassen. Ich persönlich halte nämlich nicht viel von «Quality Time» mit unserem Baby. Was nützen mir wenige Stunden Highlights, wenn ich die wichtigen Dinge im Alltag verpasse? Erste Luftküsse, erste Schritte, erste Worte? Unsere Kleine wird eineinhalb Tage in der Woche von den Grosseltern betreut (Danke, ihr Engel!). Das ist für alle Seiten toll, denn ein festes, sicheres Beziehungsnetz ist uns wichtig für unser Mädchen.

Feste Beziehungen entstehen durch Beständigkeit, durch Alltag, durch kleine Dinge. Ein Kind erlangt Sicherheit und Vertrauen, wenn man als Bezugsperson verlässlich verfügbar ist. Die Hirnforschung zeigt, dass sich der präfrontale Cortex, der für Moral, Emotionen und Empathie zuständig ist, bei Kindern, die viel Nähe und Zuwendung erfahren, stärker vernetzt ist, als bei Kindern, denen diese Grundfesten fehlen.Also spricht auch die Wissenschaft eher für «Quantity Time» als für die hochgelobte, das Gewissen beruhigende «Quality Time».

Leider funktioniert unser Wirtschaftssystem nicht so. Frauen sollen doch bitte möglichst rasch nach der Geburt wieder in den Job einsteigen. Keinem fällt dabei auf, dass es vielleicht besser wäre, den Müttern (bzw. Vätern) nach einer individuellen Babypause den Einstieg wieder zu erleichtern. Wer sagt denn, dass eine Mutter, deren Kinder «dem Gröbsten» entwachsen sind, nicht genauso toll arbeiten kann, wie eine 25-jährige Studienabgängerin? Wahrscheinlich ist es so: Eltern sind nicht mehr bereit, nur für die Firma zu leben, denn sie wissen: da draussen gibts noch mehr.

Versteht mich nicht falsch: ich mache meinen Job wahnsinnig gerne. Ich bin auch froh, dass ich arbeiten darf, denn die Abwechslung tut mir gut. Schlussendlich soll jede Familie das Modell leben, das für sie stimmt. Aber eben genau da hakt es: für Karriere und Leistung bietet unsere Gesellschaft Hand und fordert «familienfreundliche» Strukturen. Wie viele sind aber aus finanziellen Gründen gezwungen, viel zu arbeiten? Sind das dann die gewünscht «leistungsstarken» Arbeitskräfte? Wie wär es, wenn wir als reiches Land anstatt auf familienfreundliches Arbeiten auf familienfreundliches Leben setzen würden? Was meint ihr dazu?

«wir eltern»