Nach knapp sechs Monaten Babypause steht er vor der Tür: mein erster Arbeitstag. Ein komisches Gefühl, denn ich habe mich an den Alltag mit dem kleinen Leben gewöhnt und geniesse die Zeit mit unserer Tochter in vollen Zügen. Und doch, irgendwie freue ich mich auch ein wenig darauf, denn mein Job als Lehrerin ist mir mehr als nur Arbeit, es ist meine Berufung.

Ihr kennt die Gretchenfrage, wenn Nachwuchs unterwegs ist: wer arbeitet wie viel, wenn das Baby da ist? Bei dieser Frage können es junge Familien keinem Recht machen. Arbeitet eine Mutter bald nach der Geburt im Vollzeitjob weiter, ist sie eine Rabenmutter. Arbeitet sie Teilzeit, ist sie für den Arbeitgeber uninteressant, weil kaum da und so weiter. Arbeitet sie gar nicht, ist sie faul und lässt sich vom Mann aushalten. Arbeitet ein Vater Vollzeit nach der Geburt weiter, interessiert er sich zu wenig für seine Kinder. Arbeitet er in einem hohen Pensum Teilzeit weiter und hat einen Papitag frei, mimt er den Alibi-Vater. Entscheidet er sich, für Kind und Kegel zu sorgen und den Haushalt zu schmeissen, ist er ein Weichei. Ja was denn nun?

Ich war immer der Ansicht, dass ich nach der Geburt in einem kleineren, aber ansehnlichen Pensum weiterarbeite und das kleine Leben in dieser Zeit vom Papi oder den Grosseltern betreuen lasse. Für mich als Lehrerin ist ein Teilzeitpensum zudem kein Problem (ein grosses Privileg!). Doch die Geburt der Kleinen hat meine Pläne und Absichten einmal durch den Fleischwolf gedreht. Ich habe das angestrebte Pensum nochmals reduziert und arbeite auf Sparflamme. Das hat folgende Hauptgründe:

  • Viel arbeiten kann ich noch lange: Vollzeit bzw. viel arbeiten kann ich noch bis zu meiner Pensionierung. Und da das voraussichtlich sowieso erst mit 70+ Jahren sein wird, habe ich noch ungefähr ein halbes Leben Arbeit vor mir.
  • Die Kinder sind nur einmal so klein: Das Killer-Argument, oftmals gehört und so wahr. Was ich in den vergangenen sechs Monaten miterlebt habe, ist mehr als nur wunderbar. Ich könnte unserer Tochter stundenlang beim Lernen zusehen. Die Welt mit ihren Augen nochmals völlig neu zu entdecken ist etwas vom Schönsten, das ich je erlebt habe.

In meinem Freundeskreis denken viele junge Eltern so. Junge Mütter nehmen sich unbezahlten Urlaub, um länger nur für ihr Baby da sein zu können, Väter versuchen mit allen Mitteln, ihr Pensum zu reduzieren. Viele junge Mütter (und Väter) wollen in den ersten Kinderjahren gar nicht voll arbeiten. Zu viel Schönes, Neues, Wunderbares passiert in dieser Zeit. Vielleicht ist das auch eine Eigenheit unserer «Generation Y»: wir wollen miterleben, wie unsere Kinder gross werden. Wir wollen eine ausgewogene Work-Life-Balance – und im Moment der Geburt der Kinder wird der «Life»-Anteil halt gewichtiger. Welches Familienmodell schlussendlich gewählt wird, entscheidet jeder für sich. Ich persönlich liebe meinen Beruf, habe meine Ziele aber zurückgestellt. Ganz ehrlich: die Karriere kann mich (vorerst) mal.

«wir eltern»