Vor 25 Jahren, am 10. Dezember 1993, schickte der Windischer Transportunternehmer Walter Knecht dem Badener Tagblatt einen Brief: «Seit 23 Jahren wirkt Frl. Margrit Fuchs aus Windisch (76) uneigennützig als Helferin in Afrika. Quasi als Einzelkämpferin, ohne staatliche Unterstützung, arbeitet sie in Ruanda vor allem für Kinder. Wie erschütternd die tatsächlichen Zustände im Land sind, vernehmen wir in ihrem beiliegenden Brief. Vielleicht finden Sie ihn publikationswürdig.»

Ihrem Schreiben war unter anderem zu entnehmen, dass sie derzeit, im Dezember 1993, für 220 Kinder sorgt, die in alten Hütten wohnen, dass ihr ständig mehr Waisen und Strassenkinder – viele mit vor Hunger aufgedunsenen Bäuchen – gebracht werden und dass sie einen Heim-Neubau erstellen müsse. Dieser koste 40 000 Franken, die Hälfte habe sie aus Eigenerspartem und von Spenden aus dem Bekanntenkreis zur Verfügung, 20 000 würden noch fehlen.

Eine Weihnachtsaktion

Die Mitteilung beeindruckte die BT-Redaktion. Am Mittwoch, 22. Dezember, veröffentlichte sie einen Bericht unter dem Titel «Trockenes Brot und Tee sind ein wahres Festessen – eine 76-jährige Windischerin führt im afrikanischen Ruanda ein Heim mit 220 Waisenkindern». Nach Schilderung der Zustände rief die Redaktion – ohne dass Margrit Fuchs Kenntnis davon hatte – zu Spenden als Weihnachtsüberraschung auf: «Leserinnen und Leser, welche das allein von Spenden getragene Kinderheim mit einem Obolus unterstützen möchten, würden den Kindern und der Leiterin eine riesige (Weihnachts-)Freude bereiten.»

Die Leserschaft war tief beeindruckt vom engagierten Wirken dieser doch schon betagten Frau – und liess sich nicht zweimal bitten: Die Telefonleitungen brachen beinahe zusammen, innerhalb von drei Tagen, bis zum 24. Dezember, trafen von Leserinnen und Lesern – vorwiegend aus den Regionen Baden und Brugg – Spendenzusagen von über 200 000 Franken ein.

Am Weihnachtsabend telefonierte ich als Leiter der Aktion der Heimleiterin nach Ruanda und meldete ihr, sie könne mehr als einen Neubau erstellen… Margrit Fuchs glaubte der Mitteilung zunächst nicht, war dann aber zutiefst gerührt und konnte die ganze Nacht hindurch vor Freude und Aufregung nicht schlafen. Ich hatte im BT-Bericht auch meine private Telefonnummer aufgeführt, um «einzelne Nachspenden» entgegennehmen zu können. Doch zwischen Weihnachten und dem 10. Januar trafen zu Hause fast ununterbrochen Telefonanrufen ein, der Spendenstand kletterte auf 320 000 Franken.

Begeisternde Hilfsbereitschaft

Ein am 7. Januar 1994 veröffentlichter Leserbrief, in Nussbaumen verschickt, vermittelte einen Eindruck von der Stimmung: «Ich zahlte heute auf der Post 500 Franken ein, so beeindruckt war ich vom Einsatz dieser 76-jährigen Frau zugunsten dieser Waisenkinder in Afrika und so begeistert über die Hilfsbereitschaft der Leserinnen und Leser, aber auch über die Initiative des BT, welches mit solchen Aktionen mithilft, die Verbundenheit mit der Leserschaft zu stärken. Bitte organisiert doch wieder eine solche Sammlung, zu welcher man als Spender mit voller Überzeugung stehen kann!»

Dass das BT die Sammelaktionen weiterführte, war einerseits der riesigen Hilfsbereitschaft der Leser und dem grossartigen Engagement der Windischerin zu verdanken, anderseits dem tragischen Umstand, dass 1994 in Ruanda ein Völkermord ausbrach, der fast einer Million Menschen das Leben kostete – und eine enorme Zahl an Waisenkindern hinterliess. Die Hilfeleistungen waren nötiger denn je, der Ausbau des Hilfswerks dringender denn je. In Absprache mit Margrit Fuchs wurden die Sammelaktionen denn auch weitergeführt – in diesem Jahr zum 25. Mal. Auch wenn in den 25 Jahren viel Not gelindert werden konnte – noch immer leben viele Menschen in Ruanda in bitterer Armut.

*Edgar Zimmermann ist pensionierter BT- und AZ-Redaktor, Vizepräsident des Stiftungsrates des Hilfswerks und Initiant sowie noch heute Leiter der traditionellen Zeitungs-Weihnachtsaktionen.