Die Symbolkraft ist denn auch das, was hier zählt: Unmittelbar verboten werden letztlich zwar nur Goldener Handschlag und Fallschirm. Hinzu kommt, dass die Aktionäre bei den Chefsalären zwingend das letzte Wort haben. Die 68-Prozent aber sind ein grundsätzlicher und unmissverständlicher Aufruf zur finanziellen Mässigung in den Teppichetagen.

Wie sehr es um die Symbolik geht, zeigt nicht zuletzt ein Blick ins helvetische Anlegeverhalten: Nur gerade jeder sechste erwachsene Schweizer besitzt selbst eine Aktie. In diesem Sinne hätte die Abzocker-Initiative an und für sich, bloss am Buchstaben gemessen, für die Mehrheit der Stimmbürger ein Nebenthema bleiben können. Auch wenn viele über die Pensionskassen indirekt und irgendwie womöglich auch an börsenkotierten Unternehmungen beteiligt sind: Der durchschlagende Erfolg der Initiative und die Emotionalität der vorangegangenen Debatte lässt sich damit nicht im Ansatz erklären.

Die Grosswirtschaft und ihre Lobbyisten haben die Rechnung für ihre jahrelange Arroganz wie Ignoranz kassiert. Viel zu lange haben sich die Chefs der Branchen Banken, Pharma und Versicherungen sowie die Verantwortlichen des Wirtschaftsdachverbandes Economiesuisse um das Thema foutiert. Die Bankenvertreter haben noch dazu eindrücklich bewiesen, dass Fantasiesaläre in einem erschreckenden Zusammenhang mit brutaler Selbstüberschätzung und Überforderung stehen können. Und was sich das langjährige Economiesuisse-Vorstandsmitglied Daniel Vasella mit seinen geplanten Abgangsmodalitäten als Novartis-Präsident noch wenige Wochen vor der Abstimmung geleistet hatte, war nachgerade gesinnungskriminell.

Das Ja zu Minder ist allerdings mehr als ein Strafzettel für fehlendes Einfühlungsvermögen: Es ist Ausdruck einer breiten Verunsicherung in Zeiten andauernd drohender Wirtschaftskrisen. Auch wenn die ganz grossen Lohnexzesse ein Phänomen der letzten zehn Jahre sind: Die Einkommensschere in der Schweiz spreizt sich schon sehr viel länger. Solange der Kuchen aber wie selbstverständlich für alle grösser wurde, hat das niemanden gestört. Die Debatte ist nicht zufällig erst dann wirklich entflammt, seit jedes Wachstumspromille errungen werden muss. Auch vor diesem Hintergrund ist die Wirtschaftselite gut beraten, ihre Sinne für Volkes Seele zu schärfen.

Das heisst fürs Erste konkret: Bei der Umsetzung der Abzocker-Initiative verträgt es keinerlei Obstruktionsversuche. Mit der 1:12-Initiative der Juso nämlich liegt eine Vorlage zur Abstimmung bereit, deren Folgen für den Wirtschaftsstandort effektiv gefährlich wären.

Immerhin: Einen wichtigen Teil ihrer Wirkung hat die Initiative bereits vor dem Urnengang entfaltet. Als Thomas Minder seine Initiative vor siehen Jahren lancierte, hatte die Politik nur wenig übrig für Transparenz bei den Gehältern und Abstimmungen an den Aktionärsversammlungen. Mit Minders Pistole auf der Brust haben die Parlamentarier hinzugelernt: Der Gegenvorschlag des Parlaments ist jetzt zwar obsolet geworden - er dokumentiert indes einen Lernprozess bei den Bürgerlichen. An diesen Politikern ist es nun auch, ihren Einfluss auf Wirtschaft und Economiesuisse geltend zu machen und diese verstärkt an ihre gesamtgesellschaftliche Verantwortung zu erinnern.