Thomas Gander hat seine Teilzeitstelle als Co-Leiter von Fanarbeit Basel per Ende des Jahres 2014 gekündigt. Der 38-jährige Sozialarbeiter leitet die vor elf Jahren unter der Bezeichnung «Fanprojekt» gegründete Organisation seit dem 1. Februar 2005 zusammen mit der Sozialpädagogin Ornella Pessotto. «Wir werden die Stelle jetzt ausschreiben. Zum Glück bleibt uns Ornella Pessotto erhalten», erklärt Andreas Schneider, Präsident Fanarbeit Basel. Der Basler Weg, den die Fanarbeit zusammen mit dem FCB gehe, sei sinnvoller als immer extremere Massnahmen, die bisher ja nicht wirklich nutzten. Der Abgang von Gander sei ein Verlust: «Er hat viel zum Verständnis der Fan-Arbeit beigetragen, die ja am Anfang abgelehnt worden ist.

Warum also geht Thomas Gander? Gibt er auf? Was hat er erreicht? Die bz hat beim bekannten Fanarbeiter nachgefragt.

Herr Gander, Sie haben per Ende Jahr der Fan-Arbeit Basel gekündigt – geben Sie auf?

Thomas Gander: Nein, sonst wäre ich nicht zehn Jahre dabei geblieben. Für mich ist jetzt einfach die Zeit gekommen, weiterzuschreiten.

Was machen Sie jetzt?

Das weiss ich noch nicht. Die Fanarbeit ist nicht ein Acht-bis-fünf-Uhr-Job, jetzt muss ich zuerst mal loslassen, damit ich mir Gedanken über die Zukunft machen kann.

Trotzdem: Die Schlagzeilen der letzten Wochen der vergangenen Super-League-Saison drehten sich mehrheitlich um gewalttätige Fans. Hat die Fanarbeit versagt?

Diesen Vorwurf höre ich immer wieder. Immer dann, wenn etwas passiert, stellt man die Fanarbeit infrage. Wir beide, die uns da exponieren, stehen ein für eine Fanbewegung, die auch Schwierigkeiten machen kann. Ich nehme die Versagensfrage immer wieder zur Kenntnis.

Wenn Sie so reden, erinnern Sie an den Sprecher der irischen Sinn Féin – der gehört zum Politbetrieb, aber eben auch etwas zur IRA.

Meine Rolle war die eines Übersetzers. Fans in einer Fankurve sind eine Subkultur, nicht nur in Basel. Seit der Jahrtausendwende ist eine Jugendbewegung immer stärker geworden, die auch die Konfrontation mit der Gesellschaft und der Staatsgewalt sucht. Wenn man da versucht, etwas zu erklären, wird man schnell in die Rolle des Verharmlosers gedrängt. Wir kommunizieren ja nicht nur gegen aussen, sondern auch gegen innen. Meine Rolle ist nicht die eines Sprechers, sondern die eines Mediators. Wir konfrontieren auch die Fans mit unsrer Haltung kritisch, aber das ist in der Öffentlichkeit nicht sichtbar. Von aussen ist auch nicht sichtbar, wenn wir eine Eskalation verhindern konnten.

Stimmt: Sichtbar ist nur die Eskalation. Das heisst auch: Für Sie ist es ein Frust, wenn etwas passiert.

Ja, das ist schon ein Frust, auch für mich persönlich. Ich finde, Gewalt kann nie eine Lösung sein. Ich bin da Pazifist. Gewalt ist für mich deshalb immer ein Frust. Wir haben allerdings sehr unterschiedliche Formen von Gewalt. Bei den Auseinandersetzungen zwischen privaten Sicherheitsfirmen und Fans sind wir im Bereich der strukturellen Gewalt. Das ist etwas ganz anderes, als wenn zwei Fangruppen aufeinander losgehen.

Heisst das, die Schlägerei auf dem Brügglifeld war nicht so schlimm? Haben Sie Verständnis dafür?

Verständnis ist ein gefährliches Wort. Ich lehne Gewalt ab, auch unter rivalisierenden Gruppen. Ich bin aber auch Realist und ich versuche, das Wesen des Fussballs und des Fanseins zu verstehen. Fussball ist Rivalität und Kampf, da dürfen wir unter Erwachsenen nicht erstaunt sein, dass die Fans sich körperlich messen wollen. Das ist ein Wesenszug junger Männer, da dürfen wir nicht erschrocken tun und es einfach ablehnen. Das so zu erklären in meiner Rolle als Präventionsbeauftragter ist schwierig. Ich kann nicht so distanziert argumentieren wie ein Wissenschaftler.

Müssen Polizei und Sicherheitskräfte härter durchgreifen? In anderen Ländern geht es ja auch.

Ich sage immer, auch in der Fankurve, wenn die Staatsgewalt eine Fankurve ausmerzen will, dann wäre das möglich. Die Fankurve weiss das, und sie will es nicht so weit kommen lassen. Unsere Gesellschaft betrachtet Subkulturen heute als etwas Gefährliches und will sie zum Teil nicht mehr tolerieren. Gewalt ist übrigens nicht das einzige Mittel, in England hat man einfach die Ticketpreise erhöht. In den letzten zehn Jahren habe ich aber beobachtet, dass der ganze Druck, der mit Kontrollmechanismen und Gesetzesverschärfungen auf die Fans wirkt, diese radikalisiert hat.

Das eine ist das Verhalten der Fans im Stadion, das andere die Fanzüge ausserhalb, etwa in der Stadt Bern. Für diese destruktiven Züge hat niemand Verständnis. Können Sie es erklären?

1000 aufgepeitschte in der Mehrzahl junge Männer, die fast jedes Wochenende in einen Zug steigen und ein Auswärtsspiel des FCB besuchen, das ist kein Pappenstiel. Das birgt Risiken. Deshalb müssen die beteiligten Gruppen erst recht zusammenarbeiten. Diesen Weg verlässt man immer mal wieder, weil Repression einfacher zu haben ist und kurzfristig vielleicht einzelne Politiker auch mehr befrieden. Dass so viel Fans Auswärtsspiele anschauen, ist die Kehrseite des Erfolgs des FCB. In den 90er-Jahren hatte der FCB nicht so viele Fans an Auswärtsspielen. Seit der Jahrtausendwende hat sich das verändert. Da sind wir als Schweiz, als Behörden, mit neuen Problemen konfrontiert.

Sie reden von Fans wie von einem anderen Volk. Aber Fans sind doch normale Menschen, vielleicht einfach Menschen, die im Stadion die Sau rauslassen?

Die Fans, das ist keine homogene Masse. Da gibt es ganz unterschiedliche Menschen und Wesen. Es gibt die Figuren der Kurve, die auch ausserhalb des Stadions eine Lebensform und die Ideologie der Fanbewegung pflegen, dann gibt es aber auch ganz viele Mitläufer, die sich kaum Gedanken machen und einfach den Zusammenhalt in der Gruppe oder das Erlebnis suchen. Das Fan-sein ist neben dem Konformitätsdruck in der Gesellschaft so etwas wie eine Oase. Das hat viele positive Facetten, da wird unglaublich viel Kreativität freigesetzt, es gibt einen unerhörten Zusammenhalt, aber es hat auch destruktive Kräfte und es gibt Konflikte.

In beiden Basel setzen sich Politiker dafür ein, dass die beiden Kantone doch noch dem Hooligan-Konkordat beitreten. Haben Sie dafür Verständnis?

Es erstaunt mich nicht, aber es ärgert mich, dass die Politik nicht mehr Vertrauen in die Basler Fanpolitik hat, die durchaus Vorbildcharakter hat für die ganze Schweiz. Ich wünschte mir sehr, dass man dieser Politik ohne Verschärfung eine Chance gibt.

Hat die Toleranz in der Gesellschaft gegenüber Fussballfans abgenommen?

Es war früher zumindest nie so ein Thema. Vielleicht, weil es keine TV-Bilder gab, vielleicht auch, weil man andere Probleme hatte. Es ist aber auch Ausdruck einer Doppelmoral: Einerseits will man die Rivalität, die Aggressivität auf dem Spielfeld, Bilder von stimmungsvollen Fans im Stadion, aber alles andere will man nicht. Der Gesellschaft geht es also um eine Art Fan-Theater und die Leute erschrecken, wenn sich herausstellt, dass das Fan-Sein nicht gespielt ist.

Sind Sie selbst ein Fan?

Ich habe den klassischen Weg eines Fans gemacht. Mein Bruder hat mich zuerst an die Spiele mitgenommen. Ich war aber nie Mitglied einer Gruppierung, ich ging einfach mit Freunden an den Match. Auf das freue ich mich auch wieder: einfach mal wieder Fan zu sein.