Um 15 Uhr schnappten hinter Ahmet (Name geändert) gestern die Türen des griechischen Auffanglagers zu. Dort, im Dorf Fylakio, überprüfen die Behörden die Identität jener Menschen, die illegal die Türkei verlassen haben und nach Europa geflüchtet sind. Auch Ahmet sah nur diesen Ausweg für sich.

Der Baselbieter Kurde hatte sich kritisch über den türkischen Präsidenten Erdogan geäussert. Bei einem Besuch in seinem Herkunftsland wurde ihm das zum Verhängnis. Ahmet wurde inhaftiert, unter Hausarrest gesetzt. Seinen Pass konfiszierten die Behörden. Legal ausreisen war fortan nicht mehr möglich. Der Rentner heuerte Schlepper an und setzte in einem Boot über das Meer ab.

Sture griechische Behörde

Anders als die Flüchtlinge, die mit Ahmet im Lager eintrafen, wähnte er sich in Fylakio schon fast in der Schweiz. Seit dreissig Jahren lebt er im Baselland; sein Zuhause nennt er Frenkendorf. Doch es kam anders. Verliessen nach und nach all seine Wegbegleiter das Camp, öffneten sich dessen Pforten für ihn nicht.

Fast vier Wochen lang sass Ahmet fest. Seine Schweizer Niederlassungsbewilligung interessierten die griechischen Behörden nicht. Mehrfach legte er das Dokument vor, erklärte seine Geschichte, bat darum, das abgeriegelte Lager verlassen zu dürfen. Jedes Mal aufs Neue blitzte er ab. Nicht nur Ahmet, auch seine Angehörigen in der Schweiz waren ratlos. Die Situation spitzte sich zu, als die Lagerleitung ihm vergangene Woche eröffnete, er müsse einen formellen Asylantrag stellen.

Ein Familienmitglied sagt: «Die Behörden setzten ihn unter Druck. Nur wenn er das Gesuch einreicht, dürfe er das Camp verlassen, hiess es.» Ahmet weigerte sich zunächst; er sorgte sich um seine Schweizer Niederlassungsbewilligung. Die Familie organisierte ihm aus der Schweiz eine Anwältin, kontaktierte das Konsulat in Athen. Was tun?

Ahmet ist einer von drei Kurden aus Basel und Region, die diesen Frühling in der Türkei verhaftet wurden. Ihre Erdogan-Kritik in den sozialen Medien führte sie in die U-Haft. Einem der Männer gelang im Mai die legale Ausreise; Ahmet und ein schweizerisch-türkischer Doppelbürger hatten weniger Glück. Letzterer harrt bis heute in einem Istanbuler Gefängnis aus.

Im vergangenen Herbst hat das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) seine Reisehinweise für die Türkei verschärft. Auf seiner Webseite warnt das EDA: Das Land betrachte Doppelbürger ausschliesslich als türkische Staatsangehörige. Dadurch sei der konsularische Schutz nicht in jedem Fall gewährt.

Bei Ahmet war die Situation anders: Da er keinen Schweizer Pass besitzt, konnte er während seiner Haft nicht einmal auf die Diplomaten hoffen. Hilfe bekam er von der offiziellen Schweiz schliesslich in Griechenland. Das Konsulat bestätigte bereits Ende Juli, dass es Ahmet ein Rückreisevisum ausstellt. Nachdem er vier Wochen später immer noch im Auffanglager festsass, griff das Konsulat ein.

Innert eines Tages erhielt Ahmet die Erlaubnis, das Camp verlassen zu dürfen. Als er das mit Stacheldraht und Sicherheitspersonal umstellte Areal hinter sich liess, rief er seine Familie in der Schweiz an. «Er ist erleichtert. Aber die vergangenen sechs Monate haben Spuren hinterlassen. Es geht ihm psychisch nicht gut», sagt ein Angehöriger.

Die Familie erwartet Ahmet heute Freitag. Um sechs Uhr in der Früh sollte er mit einem Nachtbus in Athen eintreffen. Dort, auf dem Schweizer Konsulat warten bereits die Dokumente auf ihn, um in die Schweiz zurückzukehren. Ganz legal.