Für den Birsfelder Hafen gibt es hochfliegende Pläne. So sollen auf dem Areal Wohnhäuser und Kultureinrichtungen entstehen. Die jüngsten News wiesen aber in eine andere Richtung: Die Migros-Tochter Micarna richtet eine Egli-Mastzucht ein – genau dort, wo die Hafen-Visionäre eine Konzerthalle vorsahen.

bz: Eine Fischzucht – ist das die gewünschte Transformation des Hafens?

Hans-Peter Hadorn: Die Fischzucht ist kein Hinderungsgrund für die Transformation des Hafens, sondern ein Zwischenschritt. Wir sind stolz und dankbar, die Migros bei uns zu haben. Die Delica investierte in den vergangenen Jahren über 100 Millionen Franken, ein stolzer Betrag, für den sie auch eine gewisse Amortisationszeit benötigt. Die gewähren wir ihr.

Die Schweizerischen Rheinhäfen haben den Baurechtsvertrag für die betreffende Parzelle um zehn Jahre verlängert. Sie ist nun bis 2040 blockiert.

Hans-Peter Hadorn: Auf dem Areal befindet sich schon heute unter anderem die Kaffee-Kapsel-Produktion der Migros für die ganze Schweiz. Das ist eine hafenaffine Nutzung, Kaffeebohnen werden zu einem grossen Teil per Schiff importiert.

Die Fischzucht im Untergeschoss des Ex-Jowa-Gebäudes ergänzt dessen Auslastung. Es handelt sich um eine innovative, ökologisch sinnvolle Nebennutzung. Heute wird Fisch vor allem importiert.

Die Parzelle liegt am schönsten Abschnitt des Ufers, gleich neben dem Siedlungsgebiet von Birsfelden. Hier könnte die Transformation des Hafens starten.

Hans-Peter Hadorn: Wir müssen die Zeitachse beachten. Eine Transformation des Hafens kann nicht innerhalb von ein paar Jahren geschehen, das braucht länger Zeit. Wir können die Entwicklungsprozesse nur gemeinsam mit den ansässigen Firmen durchführen, diese brauchen jedoch Investitions- und Planungssicherheit.

Nehmen wir die Tanklager: Mit der Energiewende wird immer weniger Benzin, Erdöl und Diesel gebraucht, aber das geht nicht von heute auf morgen. Der Schlüssel für die Hafenentwicklung in Birsfelden liegt daher beim künftigen Kapazitätsbedarf der Tanklager.

Thomas Kübler: Ich kann die Ungeduld bei der Transformation des Hafens ein Stück weit verstehen. Für Aussenstehende besteht die Schwierigkeit darin, dass sie die Zeitachse nicht sehen können. Bei einem bestehenden Betrieb wie dem Hafen brauchen Veränderungen viel Zeit.

Das Stichwort ist gefallen: Ungeduld. In Basel geht es vorwärts mit der Transformation der Häfen. Das Klybeck-Quai ist grösstenteils geräumt.

Hans-Peter Hadorn: In Basel geht es nicht schneller, die Zeitachse ist vielmehr eine andere. Die Entwicklung hat in Basel vor zwei Jahrzehnten eingesetzt. Am Klybeck-Quai gab es auch Tanklager, sogar Kohlelager. Der nachfragebedingte Rückbau der Tanklager hat sukzessive Transformations- perspektiven eröffnet.

In diesem Zeitraum hat sich der Hafen Kleinhüningen zu einer modernen Containerdrehscheibe entwickelt, welche mit dem geplanten Hafenbecken 3 in die Zukunft geführt wird. Der Hafen Birsfelden steht am Anfang einer vergleichbaren Entwicklung.

Geht es nach der Vision «B-Port» des Architekten Hans-Jörg Fankhauser, so kommen auf die nördliche Hälfte des Hafens Wohnhäuser sowie Kultur- und Bildungseinrichtungen hin, schon 2035. Nach der Vertragsverlängerung mit der Migros ist das nicht mehr realistisch.

Thomas Kübler: Die Ideen von Jörg Fankhauser und die Fischzucht – da fragt man sich auf den ersten Blick tatsächlich: Wie geht das zusammen? Wir sehen aber für den Hafen eine verdichtete Nutzung vor, auf weniger Fläche muss eine höhere Wertschöpfung erzielt werden. So werden Flächen frei. Trotzdem haben wir bestehende Verträge. Wir müssen Rechtssicherheit bieten.

Was hält der Kanton von «B-Port»?

Thomas Kübler: Das Nebeneinander von Wohnen, Kultur und Hafenwirtschaft ist spannend. Jetzt müssen wir klären: Welche Rolle übernimmt der Hafen in Zukunft?

Ja, welche? Der klassische Stückgut-Verlad wird kaum an Bedeutung gewinnen.

Thomas Kübler: Wir als Kanton sagen: Der Hafen wird zum modernen Umschlagplatz. Logistik spielt eine grosse Rolle, aber auch Daten.

Hans-Peter Hadorn: Der Hafen Birsfelden ist zum grössten Teil immer noch ein klassischer physischer Umschlagplatz. Das kann man selber erleben, etwa, wenn Schrott Recycling umgeschlagen wird, das erzeugt Emissionen. Aber das Gebiet wandelt sich. Nehmen wir eine Vogelperspektive ein, denken wir in grösseren Zeiträumen.

Gleich neben dem Birsfelder Hafen schliesst der Muttenzer Auhafen an, dahinter liegen Schweizerhalle und Salina Raurica. Derzeit wird die Hafen-Bahn mit Schweizerhalle verbunden, ein wichtiger Schritt. Wir verknüpfen eines der grössten zusammenhängenden Wirtschaftsgebiete in der Schweiz, wo Logistik und Produktion zusammen kommen. Das bietet erhebliche Chancen.

Für welche Branchen, welche Produkte konkret?

Hans-Peter Hadorn: Etwa für den industriellen 3-D-Druck: Das Granulat, das die Drucker benötigen, muss grösstenteils aus Übersee importiert werden, am sinnvollsten geht das per Schiff. Der Logistik-Chemie-Cluster Rheinhäfen – Infrapark Schweizerhalle bietet ideale Voraussetzungen für dieses Zukunftspotenzial. Sie sehen: Diese Zusammenhänge ergeben spannende Möglichkeiten.

Thomas Kübler: Das Beispiel mit dem 3-D-Drucker ist nicht aus der Luft gegriffen: Im Rotterdamer Hafen zum Beispiel stehen bereits riesige 3-D-Drucker.

Trotzdem, das alles ist Zukunftsmusik. Wer durch den Hafen fährt, sieht noch etwas anderes: Halbleere Lagerhallen, brach liegende Flächen, ein Recycling-Park. Brauchen wirklich alle Unternehmen, die im Hafen tätig sind, Wasser- und Bahnanschluss?

Thomas Kübler: Das ist der Gerümpelkammer-Vorwurf, ich kann ihn nachvollziehen. Aber bleiben wir beim Recyclingpark, ein gutes Beispiel: Das sind Wertstoffe, die zu 70, 80 Prozent wiederverwertbar sind. Das Thema Wertstoff-Rückgewinnung wird an Bedeutung gewinnen. Den erdverbundenen Teil des Hafens werden wir aber wohl auch immer haben, das Physische, Rohe.

Hans-Peter Hadorn: Häfen bieten den raumplanerischen Vorteil der Bündelung vieler logistischer und Produktionstätigkeiten auf engsten Raum. Wären diese Tätigkeiten verzettelt, würden viel mehr Flächen benötigt. Noch bestehende Reserven müssen jedoch optimal genutzt werden. Das steht ausser Frage.

Wie stehen Rheinhäfen und Kanton zur Idee, im Hafen künftig auch Wohnungen zu bauen?

Thomas Kübler: Der Kanton hat ein Interesse daran, dass das Wirtschaftsgebiet erhalten bleibt. Industrielle Nutzung muss weiterhin stattfinden können. Trotzdem besteht die Möglichkeit, dass der Hafen ein Stück des Areals freigibt für andere Nutzungen, etwa für Wohnen. Wichtig ist, dass es nicht zu Interessenskonflikten kommt.

Hans-Peter Hadorn: Wir wollen die Potenziale der industriellen hafenaffinen Nutzung zusammen mit den Hafenfirmen aktiv fördern und sind offen für spätere Wohnnutzung. Die Zeit ist reif, zusammen mit allen Partnern eine Perspektive zu erarbeiten. Einen ersten wichtigen Schritt haben wir erreicht, mit der im September unterschriebenen gemeinsamen Absichtserklärung zwischen uns Rheinhäfen, dem Kanton Baselland und der Standortgemeinde Birsfelden.

Noch in diesem Jahr werden wir die Zeitachse und die Voraussetzungen für die Entwicklungsschritte definieren. Danach haben alle Partner eine verlässliche Aussage darüber, wann was wohin kommt. Der Hafen kann und wird sich wandeln, aber nur dann, wenn alle am selben Strick ziehen. Gemeinsam ist es möglich.