Warum schaust du mein Facebook-Profil an? Magst du mich, hasst du mich oder langweilt dich das Leben? Ich glaube, du magst mich. Oder du magst, wie ich aussehe. Wie ich auf Fotos aussehe, denn in echt bin ich dir nie begegnet. Du schreibst Dinge unter meine Bilder, die ich in den sozialen Medien öffentlich mache, wie «Du hast so schöne Augen». Ich reagiere nie darauf, denn ich kenne dich nicht. Ich kenne nur deinen Namen. Michael Meier (Name von mir geändert) hat dein Foto kommentiert, heisst es jede Woche einmal auf meinem Handy-Display. Manchmal ist dein Name der letzte, an den ich vor dem Einschlafen denke. Weil er der letzte ist, von dem ich an diesem Tag lese.

Ich kenne dich nicht, und es ist mir auch egal, wer du bist. Du störst mich nicht, und dass es irgendetwas zu geben scheint, was deine (vermutlich nicht ungeteilte) Aufmerksamkeit auf mich lenkt, macht mir nicht Angst. Du scheinst harmlos, denn noch nie hast du mir Fotos von Dingen geschickt, die ich nicht sehen will. Jemanden, der mir schreibt, «Wenn du lächelst, siehst du besser aus, als wenn du ernst schaust», finde ich nicht besonders geistreich. Doch es macht nichts, dass ich dich nicht geistreich finde, schliesslich muss ich nicht jeden geistreich finden, und vielleicht finden dich ja andere geistreich und alles ist nur eine Frage der Perspektive.

Du kennst mich nicht, auch wenn du meine Aktivitäten in den sozialen Medien genau zu verfolgen scheinst. Was glaubst du, Michael Meier, wer ich bin?

Ich unterstelle Menschen in (langjährigen) Beziehungen, keine Ahnung davon zu haben, was es bedeutet, heute Single zu sein. Sich in den sozialen Medien, also auf Facebook, Instagram (und jüngere als ich auch auf Snapchat oder mir unbekannten Plattformen), aber auch via Dating-Apps wie Tinder oder auf Partner-Vermittlungsseiten wie Parship zu präsentieren, ist eine Kunst, die einem niemand beibringt, aber jeder Single beherrschen sollte.

«Die sozialen Medien haben das Flirten, Daten und Kennenlernen für immer verändert», las ich kürzlich in einem Artikel zum Thema, dass es heute zumindest in der westlichen Welt total normal oder sogar Pflicht ist, irgendetwas über seinen potenziellen (Sex-)Partner auch online herauszufinden. (Fast) nichts geht mehr, ohne die Profile der Angebeteten auf Facebook und Co. vorher zu checken. Die Folge: Das, was Singles online von sich preisgeben, zielt — zumindest sehr häufig — darauf ab, die eigene Attraktivität zu steigern (Umfragen wollen dies belegen, ich kann dies bestätigen). Möglichst sexy, möglichst flirty, möglichst intelligent. Man weiss nie, wann der nächste Michael Meier auftaucht, und vielleicht ist er diesmal ja interessant. Das Sender-Empfänger-Modell greift auch hier: Ob ich Single bin oder nicht beeinflusst nicht nur den Inhalt meiner Selbstdarstellung in den sozialen Medien, sondern auch (oder vielleicht vor allem) die Interpretation des Empfängers. Alles in Relation zum Beziehungsstatus also.

Lieber Michael Meier, ich bin nicht die, von der du glaubst, ich sei sie. So, wie ich mich in den sozialen Medien kreiere, will ich nur wirken. Ja, manchmal fühle ich mich tatsächlich so, wie ich wirke (als ich auf dem Urlaubsbild die Flasche mit dem sardischen Bier küsse, dachte ich in dem Moment wirklich, dass meine Lippen nie wieder etwas Besseres berühren werden). Als ich in einem Facebook-Post fragte: «Was ist Liebe?» recherchierte ich nicht für meine nächste Kolumne, sondern hatte Liebeskummer. Der Post war tatsächlich eine Botschaft, sie war nur nicht für dich.