Die «Atombombe» für die Demokratie – seitdem das «Magazin» des «Tages-Anzeigers» über die ominöse Firma Cambridge Analytica berichtet hat, ist ein grosses Jammern und Sorgen ausgebrochen. Die Wahl des Donald Trump zum Präsidenten der USA sei mehr oder weniger ihr Werk, soll sich Alexander Nix, CEO von CA, gebrüstet haben. Und der Psychologe Michal Kosinski zerfleischt sich in Selbstvorwürfen: «Ich gab ihnen die Bombe.» So weit das «Magazin».

Worum geht es? Kosinskis Beitrag bestand offenbar darin, aus Facebook-Einträgen und anderen digitalen Spuren Rückschlüsse auf Charakter und Vorlieben jedes beliebigen Nutzers ziehen zu können. Ausgewählte Marker sollen auf bestimmte Charakterzüge hindeuten. So im Sinne von: Wer Bilder von Dagobert Duck postet, ist geizig – mit einer Trefferwahrscheinlichkeit von 60 Prozent. Seit Arthur Schopenhauer wissen wir, dass der Charakter eines Menschen mehr oder weniger die Summe oder das Aggregat bestimmter Verhaltensweisen ist. Wenn man zugibt, dass man unter «Charakter» (oder «Typ») eine Disposition versteht, die entsprechende Handlungen nach sich zieht, ist das plausibel. Man kann dann sagen, dass Verhalten x und y und z bei fast allen Geizigen vorkommen, wenn dann noch w beobachtet werden kann, ist die Zuschreibung schon fast zu 100 Prozent sicher. Das ist nicht mehr als Statistik und hat seine bekannten Fallstricke, ist aber – vorsichtig angewendet – durchaus brauchbar.

Effizienter mobilisieren – warum soll man das nicht tun?

Kosinski lieferte also die Matrize, mit der potenzielle Trump-Wähler aus den Facebook-Daten herausgefiltert werden konnten. Leider ist das nichts Neues. Das tat schon die Obama-Kampagne vor acht Jahren. Ihre Absicht war es allerdings, Leerläufe zu verhindern. Nur Leute, die vermuten liessen, dass sie Obama wählen würden, sollten besucht und angehalten werden, zur Wahl zu gehen. Effizienter mobilisieren. Anstatt die Ressourcen bei sturen Wählern der Republikaner zu verschleudern, sollten sie zielgerichtet auf eher wahlunwillige Demokraten-Sympathisanten gerichtet werden. Dagegen ist wenig bis nichts einzuwenden. Und es gab auch keinerlei Empörung deswegen. Im Gegenteil.

Das Neue bei Nix und seiner Bude CA war, dass behauptet wird, eine bestimmte Gruppe von «Typen», die eher Trump zuneigen könnten, mit Trump-Werbung zu überschütten. Und zwar nicht mit einer Flut, sondern gezielt gesetzten Werbeinhalten. Die Werbeindustrie nennt das schon länger «Mikro-» oder «Psycho-Targeting». Seit es die Technologie dafür gibt, ist individualisierte Werbung in. Jeder kennt das, der Facebook nützt oder bei Amazon mal etwas bestellt hat oder sonst irgendwo seine Spuren und Vorlieben hinterlassen hat.

Ist Cambridge Analytica einfach ein supergutes Werbebüro?

Vielleicht hat CA das richtig effektiv gemacht. Die Leute der Kampagne mit Apps ausgerüstet, die ihnen punktgenau die Dinge geliefert haben, die sie dem heimlichen Trump-Sympathisanten, der das vielleicht gar noch nicht wusste, zeigen mussten, damit er Trump wählte. Dann wäre überraschend, wie schnell das gegangen ist. Denn ein bisschen testen müsste man ja schon. Und selbst wenn das richtig funktioniert, es ist nicht mehr, als potenzielle Wähler zu mobilisieren.

Seit «One man – one vote» gilt, findet man, dass eine hohe Stimmbeteiligung besser sei als eine niedrige. Wer anders denkt, lebt noch im 18. und 19. Jahrhundert, als es nur schwer gelang, die Menge der Wahlberechtigten innerhalb einer Gesellschaft zu erweitern. Zensus und andere Dinge sollten ja eben verhindern, dass die falschen Leute wählen konnten. Was die Hüter der Demokratie natürlich alarmieren müsste, wäre effektiv Gehirnwäsche und Demagogie. Dass Leute Trump wählen, die ihn ohne CA-Massage nicht wählen würden. Dafür gibt es aber keine Belege.

Eine andere Frage ist, wie hoch der Anteil einer Gesellschaft sein kann, der aus irgendwelchen Motiven – sie können recht komplex sein – totalitäre Parteien und Figuren wählt. Seit der Weimarer Republik wissen wir, dass das leicht über 30 Prozent sein können. Das ist aber nicht primär eine Frage der Demagogie, sondern der Anfälligkeit dafür. Es gilt nach wie vor: Die Demokratie ist nicht «Herrschaft des Volkes», sondern ein System, in dem mündige und verantwortungsbewusste Bürger ihre Stimme abgeben.