Schier endlos reihen sich die jüdischen Gräber am Westhang des Ölbergs vor den Stadttoren Jerusalems aneinander. Hellbraune Sandsteinplatten, dazwischen schwarz-gewandete Orthodoxe, die ihren Ahnen Besuche abstatten und ihnen Kieselsteine auf die Grabdeckel legen. «Ehrbekundungen», erklärt uns unser Cityguide, ein deutscher Pater, der seit sieben Jahren in der Heiligen Stadt lebt und uns die Sitten und Traditionen ihrer Einwohner näherbringen will.

Zwei Erklärungen gebe es für den alten Brauch, erzählt der Pater. Einerseits hätten die einst aus dem Heiligen Land vertriebenen Juden auf ihrer langen Flucht durch die Wüste die Grabstellen der Verstorbenen mit Steinhaufen markiert, um sie später in den sandigen Weiten wieder finden zu können. Andererseits habe der Brauch auch einen politisch höchst brisanten Hintergrund: Manche Grabbesucher nähmen die Steine mit, um einen symbolischen Beitrag an den herbeigesehnten jüdischen Tempel in der Jerusalemer Altstadt zu entrichten.

Der Tempel soll ausgerechnet da zu stehen kommen, wo heute der Felsendom und die Al-Aksa-Moschee, zwei muslimische Heiligtümer, in den Himmel ragen. Als ich vor einem Jahr mit einem palästinensischen Guide an derselben Stelle stand und ihn nach dem Grund der Steine auf den Grabplatten fragte, hatte der noch eine andere Erklärung. «Steine», sagte der Palästinenser augenzwinkernd, «sind billiger als Blumen».