Ignazio Cassis weiss es nicht erst seit diesem Sommer, als er sich als Kandidat zur Wahl stellte. Ein Bundesrat setzt sich viel direkter öffentlicher Kritik aus als Parlamentarier. Entscheide aus seinem Departement werden direkt mit seiner Person verknüpft. Um in seinen ersten Amtstagen Fettnäpfe zu vermeiden, hat Cassis sich ausbedungen, erst nach hundert Tagen hinzustehen und über Politik und seine Pläne zu reden. Diese Vorsicht erweist sich als Bumerang. Anstatt politische Entscheide inhaltlich zu diskutieren, werden nun alle seine Bewegungen beobachtet und kritisch begleitet.

Angefangen bei der vorübergehenden Mitgliedschaft bei der Waffenlobby ProTell bis hin zum Löschen von Hunderten von älteren Tweets auf seinem Twitter-Account. Anstatt seiner Politik steht nun sein Charakter zur Debatte. Das müsste nicht sein. Eine gewisse Nachsicht schützt jeden, der eine neue Aufgabe annimmt. Die Angst vor Fehltritten macht nur hellhöriger. Das Resultat: Neben der Kritik an seinem Verhalten muss Cassis nun auch damit umgehen, dass die Erwartungen auf seinen ersten Auftritt massiv gestiegen sind.