Kalenderjahre eignen sich denkbar schlecht, um Geschichte zu bewerten. Ereignisse und Entwicklungen halten sich nicht an den 12-Monats-Takt, und ob sie eine historische Dimension aufweisen, wird oft erst aus zeitlicher Distanz erkennbar. Wer hätte 2007 gedacht, dass die Erfindung des iPhones und somit des Smartphones unseren Alltag, die Gesellschaft und die Wirtschaft so tiefgreifend verändern würde?

Trotzdem gibt es das Bedürfnis, zum Ende eines Kalenderjahres Bilanz zu ziehen. Was bleibt von 2017? Die Antwort fällt schwerer als in den letzten beiden Jahren. 2015 war geprägt von einer Flüchtlingskrise beispiellosen Ausmasses, 2016 ging als Jahr des Brexit und der Wahl Donald Trumps in die Annalen ein. Diese Ereignisse wirken nach. Ein vergleichbares Grossereignis trat dieses Jahr nicht ein.

Oder vielleicht doch? Als im Oktober der Filmproduzent Harvey Weinstein als Sexist aufflog, brachen Frauen rund um den Globus ihr Schweigen und prangerten sexuelle Belästigung und Gewalt an. Die #MeToo-Bewegung entfaltete eine gewaltige Wucht und fegte seit Oktober mächtige Männer in Kultur, Politik und Wirtschaft von ihren Posten. Gut möglich, dass man sie in einigen Jahren als historischen Wendepunkt der Gleichberechtigung betrachten wird. Nicht auszuschliessen aber auch, dass die Wirkung wieder verpufft, sobald die Medienaufmerksamkeit nachlässt. Es wäre bedauerlich, denn die Anliegen der Gleichberechtigung sind wichtiger denn je in Zeiten, wo ein Grabscher und Sprücheklopfer die USA regiert und Steinzeit-Islamisten die westlichen Gesellschaften unterwandern.

#MeToo kam aus dem Nichts. Erwartete Ereignisse hingegen blieben aus. Am Weltwirtschaftsforum in Davos, das im Januar kurz vor Donald Trumps Inauguration stattfand, war der sogenannte Rechtspopulismus das dominierende Thema. Politiker, Politologen und Soziologen – und mit ihnen viele Medien – sahen ein düsteres Jahr voraus und bald überall Rechtspopulisten an der Macht. Doch was geschah? In Frankreich verlor Marine Le Pen, und in Gestalt von Emmanuel Macron wurde ein neuer Polit-Star geboren, der sich anschickt, die taumelnde EU zu stabilisieren. Ihn hatte niemand auf der Rechnung. Auch in anderen Ländern verebbte die rechte Welle.

Ausbleibende Katastrophen

Es war nicht die einzige Fehl- prognose. Gemessen an den hysterischen Szenarien, die nach Donald Trumps Wahl kursierten, erwies sich 2017 als gutes Jahr. Der Ober-Twitterer sorgte für viel Schall und Rauch, aber er hat die Demokratie bislang nicht abgeschafft und die Weltwirtschaft nicht durch Handelskriege in den Abgrund gerissen. Die US-Börse feiert Allzeit-Höchststände, die Wirtschaft brummt, wovon auch die Exportnation Schweiz profitiert.

Hysterie war ein Kennzeichen dieses Jahres. Auch hierzulande. Bei jeder Abstimmung scheint es um alles oder nichts zu gehen. Beim Urnengang über die Altersreform 2020 kam es zur bizarren Situation, dass sowohl Gegner wie Befürworter vom «Untergang der AHV» schwadronierten, sollte das Resultat nicht in ihrem Sinn ausfallen. Auch der Kampf um die Unternehmenssteuerreform III wurde von beiden Seiten unter Aufbietung der letzten Kräfte geführt. Die erste Reform war Mitte-links-geprägt, die zweite bürgerlich – beide fielen durch. Bundesrat und Parlament haben ein Glaubwürdigkeitsproblem. Kein Wunder: Was wurde in den letzten Jahren nicht alles angedroht für den Fall, dass das Volk «falsch» abstimmt. Passiert ist dann in der Regel – nichts.

Vielleicht ist es diese Erfahrung, die gemäss Umfragen erstaunlich viele Bürger erwägen lässt, der «No Billag»-Initiative zuzustimmen. Warum nicht ein Zeichen setzen gegen die übermächtige SRG? Dass die Demokratie bei einem Ja gefährdet wäre, wie von einzelnen SRG-Promotoren behauptet, glaubt niemand. Doch Achtung: Im Gegensatz zu früheren, schwammig artikulierten Initiativen ist «No Billag» messerscharf formuliert. Diese Vorlage könnte nicht umgangen werden: Der Bund darf bei einem Ja keine Radio- und TV-Gebühren mehr erheben. Punkt. Es wäre das Ende der SRG in der heutigen Form.

Politik ohne Zwischentöne

Der Kampf um «No Billag» wird hüben wie drüben nahe am Nervenzusammenbruch geführt. Alles ist schwarz-weiss, Zwischentöne sind nicht vernehmbar. Man mag den Zustand der Dauererregung für lebhafte Demokratie halten; zur vernunftgeleiteten Meinungsbildung trägt er nicht bei.

Wie wärs mit etwas mehr Gelassenheit im neuen Jahr – zum Beispiel in der Europapolitik? Auch da überhitzten sich die Gemüter, nachdem die EU die Schweizer Börse nur befristet anerkannte. Von Erpressung und Vertrauensbruch war die Rede, dabei tut die EU nur, was alle Staaten tun – ihre Interessen durchsetzen, nötigenfalls mit Dreistigkeiten. Cool bleiben: Es geht bei der Börse nicht um ein existenzielles Thema, und vorerst ändert sich gar nichts. Der Bundesrat, zurzeit als Führungsgremium ausser Form, hat nun ein Jahr Zeit, die unbefristete Anerkennung zu erreichen. Vielleicht auch mit der einen oder anderen Dreistigkeit.

Die Schweiz kann aus einer Position der Stärke ins neue Jahr starten. Die Wirtschaft hat im zweiten Semester 2017 zum Wachstum zurückgefunden, auch dank dem abgeschwächten Franken, der beinahe wieder auf dem Niveau des Euro-Mindestkurses notiert. Die Arbeitslosigkeit sinkt, trotz schlagzeilenträchtigem Stellenabbau bei Grosskonzernen. Die Prognosen der Konjunkturforscher für 2018 sind erfreulich, aber wie immer mit Vorsicht zu geniessen, denn Irrtümer und unerwartete Ereignisse wird es auch nächstes Jahr geben. Unsicherheit gehört zu unserer Zeit. War es je anders? 

Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, alles Gute fürs neue Jahr.