Chemnitz. Wer auszieht, um im digitalen Raum das Fürchten zu lernen, gerate einmal auf Twitter in einen Mob von Neonazis. Da dröhnt es aus Hunderten von jungen Männerkehlen. «Wir sind die Fans! Wir sind die Fans! A-dolf-Hit-ler-Hoo-li-gans! Wer, wenn nicht wir? Wann, wenn nicht jetzt? Nationaler Sozialismus. Jetzt! Jetzt! Jetzt!» Ich blicke auf meine Arme und habe Hühnerhaut.

Ostritz. In diesem sächsischen Dorf, nicht zu verwechseln mit Osterlitsch (Chaplin, «Der Grosse Diktator»), feierte man am 20. April den 129. Geburtstag eines Massenmörders. Die «arische Bruderschaft», mit Runenschrift gezeichnet, leistete den «Sicherheitsdienst». Überall T-Shirts, «I love Hitler».

Kurz zuvor wurde zwei Rappern ein Musikpreis verehrt – Leuten, die KZ-Insassen verhöhnen und sprachliche Gewaltorgien gegenüber Homosexuellen und Frauen absondern, die dermassen übel sind, dass sie im gepflegten Raum eines Druck-Erzeugnisses nicht zitierbar sind. Genauso wenig wie die Brutalitäten, welche die linksextreme ostdeutsche Punkband «Feine Sahne Fischfilet» gegen Polizisten richtet. Dumm nur, dass uns das wenig nützt, wenn die Exzesse solcher Musikgruppen jedem Schulkind zugänglich sind. Was Streithähne gewillt sind, der Mutter eines Hurensohnes anzutun, gehört oft noch zum Harmlosesten, was sie sich auf dem Pausenplatz androhen.

Letzteres schilderte mir eine Lehrerin. Für sie ist die zunehmende Verrohung der Sprache Alltag. Auch in den sozialen Medien nehmen die Beschimpfungen zu. Sie ergiessen sich wie Drecklawinen aus anonymen Quellen. Frau Merkel, dieses «verdammte Weib», ist eine «Mörderin» und «Nazi», «Faschist» und «Volksfeind» werden so inflationär verteilt wie schlechte Schulnoten. Bald jeder ist betroffen, der dem anderen nicht haargenau in die politischen Koordinaten passt. Die Selbstverständlichkeit, mit der von mir geschätzte Publizisten im digitalen Raum ab und an Fäkalwörter verwenden, ist ein besonders irritierendes Indiz dafür, wie sehr die Hemmungen gefallen sind.

Man kann es drehen und wenden, wie man will, Sprache ist ein Mittel, mit welchem man Gewalt anwendet. Die Intensität der Gewalt innerhalb der Sprache setzt sich auf die physische um. Und wenn Frauen und Polizisten ins Koma geprügelt werden und Kinder Selbstmord begehen, weil sie auf sozialen Plattformen gemobbt werden, dann muss man dort ansetzen, wo die Beweise für die Verluderung der Gesinnung und die Geschichtslosigkeit wie ein offenes Buch manifest werden. Bei der enthemmten Sprache. Bei der mangelnden Bildung. Bei der verpassten Aufklärung. In der Verantwortung stehen alle. Medien. Erziehende. Die Politik. Die Wissenschaft. Nur die Sprache selbst kann die Gewalt, die sie ausübt, wieder mässigen.

Ansetzen muss man auch bei den Tabus in der politischen Debatte. Wer die Bürgerinnen und Bürger nicht ernst nimmt und ihnen das Maul verbietet, schickt sie in den Untergrund, aus welchem sie dann plötzlich auftauchen wie Irrlichter aus Zeiten, die wir längst überwunden glaubten. Das Gegengift von Hass ist anständige Kommunikation. Also anständige Sprache.

Ich war am Freitag zusammen mit Politikerinnen aus SP, FDP, SVP und CVP auf einem Podium, das die SVP-Frauen organisiert hatten. Thema: Islamismus. Im Publikum viele Musliminnen und Muslime. Wir hatten Differenzen, aber wir haben die gegenseitigen Argumente ausgetauscht. Die Ängste beschrieben. Die Positionen angehört. Differenziert. Engagiert. Leidenschaftlich.

Und ich habe einmal mehr gedacht, was für ein Privileg es ist, Ansichten in einer von gegenseitigem Respekt geprägten Sprache äussern zu dürfen. Ich hoffe inständigst, dass das Modell Schweiz trotz dem im weltweiten Vergleich sehr grossen Ausländeranteil seine hohe Integrationskraft bewahrt. Diese hat sie dem konstanten verbalen Austausch der Bürgerinnen und Bürger mit den von ihnen gewählten Politikerinnen und Politikern zu verdanken, die sich in einer direkten Demokratie immer wieder verständlich erklären müssen. Und verständlich erklären heisst Verständnis haben. Das schützt uns vor Abgehobenheit.