«S grööschte Gschänk vo de Wienacht liit nöd underem Chrischtbaum daa …» Dieses Lied von Andrew Bond werden 23 Kinderstimmen am Heiligen Abend in der Oeschger Kirche voll Freude singen und andere zum Mitsingen motivieren. Ein kleiner Projektchor gestaltet die Krippenfeier und alle freuen sich darauf.

Viele Kinder mit Eltern, Grosseltern usw. treffen sich in der kleinen Kirche, um sich von der Botschaft des zerbrechlichen «göttlichen» Kindes berühren zu lassen, das der Welt eine positive Richtung gibt. Am Ende wünschen viele einander frohe Weihnachten, um dann in ihrem persönlichen Kreis weiterzufeiern. Kein Mega-Event, eigentlich keine Nachricht wert, aber er bewegt und führt Menschen zusammen, lässt Freude aufkommen und Sinn im Leben entdecken.

Ich sage es Ihnen vorweg und stehe als Seelsorger zu meiner «Déformation Professionnelle»: Ich liebe Weihnachten mit allem Drum und Dran. Und ich liebe es noch mehr, wenn ich als Erwachsener das Fest irgendwie mit Kindern feiern darf, wie dieses Jahr mit meinem Enkel.

Vielleicht denken jetzt einige: «So plump kann man doch nicht über Weihnachten reden! All dieser Konsumrausch! Während wir ‹Stille Nacht› singen, detonieren woanders die Bomben.» Und andere führen ins Feld: «Von wegen besinnliche Weihnachten. Am Ende falle ich erschöpft in den Sessel von all dem Vorbereitungsstress.»

Oder: «Weihnachten, das überfordert doch alle. Nicht umsonst gibt es gerade an Weihnachten den grössten Familienkrach.» All diesen Einwänden gebe ich recht: Auch an Weihnachten werden Menschen Opfer von Gewalt. Traurig, aber wahr. Der Versuch, das perfekte Fest vorzubereiten, kann mich total überfordern. Und die schön inszenierte Feier kann auch in die Hose gehen. Aber trotzdem liebe ich Weihnachten und ich will mir das Weihnachtsfest nicht vermiesen lassen, weder von kulturpessimistischen Kritikastern noch von moralisierenden Oberlehrern.

«S grööschte Gschänk vo de Wienacht… Es häts niemert gchauft und niemert gmacht.» Die meisten von uns verbinden Weihnachten mit dem Ritual des Schenkens und Beschenkt-Werdens. An andere denken, für sie ein Geschenk suchen oder herstellen, jemandem eine Freude machen … das ist ein kostbarer Brauch, der nicht zuletzt die Schenkenden glücklich macht, denn Geben ist seliger als Nehmen.

Natürlich gibt es auch das absurde Suchen nach dem «grössten Geschenk» und den Kaufrausch in der «Zu-viel-isation». Aus wirtschaftlicher Perspektive kann man nüchtern formulieren: Wenn es Weihnachten nicht schon gäbe, müsste man es erfinden. Ein wichtiger Jahresumsatz wird im sogenannten Weihnachtsgeschäft erzielt.

Doch all dies ist keine Begründung dafür, das Ritual des Schenkens zu diffamieren, sondern allenfalls über dessen Gestaltung nachzudenken. Vielleicht gelingt es ja, Menschen in den Kreis der von uns Beschenkten aufzunehmen, die sonst vergessen gehen oder denen wir mit unserer Gabe ihre materielle Not lindern.

Und spannend ist zu beobachten, wie Weihnachten mit dem Ritual des Schenkens auch Menschen aus anderen Kulturkreisen anspricht und integrierend wirkt: muslimische Familien, die Tannenbäume aufstellen, ihr Haus schmücken und sich zu Weihnachten beschenken.

«S grööschte Gschänk hät Gott öis gmacht a der eerschte Wienacht …» «Wir sind alle Beschenkte!», so liess sich kurz der Vers von Andrew Bond zusammenfassen. Selbst wenn ich den Gottesgedanken zunächst mal überhöre, ist das «Mich-beschenkt-Wissen» eine wichtige Grundweisheit im Leben. «Aber halt!», werden jetzt einige von Ihnen sagen, «ich gehöre doch eher zu den Zu-kurz-Gekommenen. Andere haben doch viel mehr.»

Vergleichen ist immer schwierig. Aber wenn ich realistisch in mein Leben schaue, muss ich zugeben, dass ich mir das Leben nicht selbst gegeben habe, sondern dass ich vielmehr von Anfang an beschenkt wurde mit Zuwendung, Liebe, Freundschaft, Lebensmöglichkeiten.

Die Welt und das Leben «an sich» existieren nicht, sie sind immer von uns Menschen gedeutet. In welchem Rahmen betrachten wir das Leben? Welche Deutung der Welt hilft mir zu leben? Weihnachten bietet uns an, den Blick auf das Geschenk des Lebens zu richten und mit der Haltung des Dankens zu antworten. Gibt es ein stärkeres Bild für «Leben» als das einer Mutter, die ihr neugeborenes Kind säugt?

Dabei erzählen die theologischen Geschichten der Evangelien weiss Gott nicht von bürgerlicher Idylle und Wohlstand: Das Leben des kleinen Jesus ist zerbrechlich und bedroht. In einer provisorischen Unterkunft kommt er zur Welt und vor dem Morden der Soldaten des Herodes muss er mit seinen Eltern ins Ausland fliehen.

Die unermessliche Bedeutung des Geschenks des Lebens im Kind erkennen arme zu kurz gekommene Hirten und reiche Sterndeuter: Kurz, Menschen auf der Suche nach Lebendigkeit und Sinn. Vielleicht wie ich?

Frohe Weihnachten!