Man muss im Staatskundeunterricht nicht besonders gut aufgepasst haben, um diese Frage zu beantworten: Wie viele Parlamentarier gehen während der Session im Bundeshaus ein und aus? 246, logisch. So viele Mitglieder zählen die beiden Kammern. 200 der Nationalrat, 46 der Ständerat. Ganz simpel, könnte man meinen. Wer seinen Sitz abgibt oder abgeben muss, verabschiedet sich aus dem Bundeshaus. Adieu, danke. 

Doch so einfach ist die Sache nicht. Denn in Bern gibt es so etwas wie ein Schattenparlament. Dessen Mitglieder sind zwar weder demokratisch legitimiert, noch dürfen sie an Beratungen oder Abstimmungen teilnehmen. Anzahlmässig aber sind sie dem eigentlichen Parlament deutlich überlegen: 431 ehemalige Nationalräte und Ständeräte geniessen weiterhin ungehinderten Zutritt zum Bundeshaus.

Sie verfügen über einen sogenannten Dauerausweis. Das zeigt eine aktuelle Liste, die der Verein Lobbywatch von den Parlamentsdiensten verlangt und nun publiziert hat. Der Dauerausweis dient allen voran als Eintrittsticket für die Vorzimmer der Räte, namentlich zu der Wandelhalle. 

Dass jeder amtierende Parlamentarier zwei Gästeausweise für das Bundeshaus vergeben darf, ist bekannt. Diese Badges sind besonders unter Lobbyisten begehrt. Sie müssen ihre Funktion deklarieren, das entsprechende Register ist öffentlich einsehbar. Ganz anders die Ex-Parlamentarier, die sich unter der Bundeshauskuppel nicht nur frei bewegen können, wie Lobbywatch kritisiert. «Sie müssen auch nirgends Zeugnis darüber ablegen, weshalb und in wessen Auftrag sie dies tun.»

Zweifellos: Viele der ehemaligen Parlamentarier dürften aus purer Freude ihre ehemalige Wirkungsstätte aufsuchen. Es ist jedoch anzunehmen, dass nicht wenige von ihnen beim Besuch im Bundeshaus einen ganz bestimmten Hut tragen – jenen des Lobbyisten.