Vor fünfzehn Jahren veröffentlichte der Reisefotograf Max Galli einen Bildband mit dem Titel «Sehnsucht». In solchen Büchern zu blättern, tut nicht gut. Vordergründig bedient ein Reisebildband das Träumen. Sind die Bilder wirklich gut, beginnt aber bald ein Ziehen, das schmerzhaft werden kann. Trotzdem will oder kann man sich davon nicht befreien. Das alles steckt im Wort «Sehnsucht».

Es ist ein bittersüsses Leiden, aber es ist ein Leiden. Man will unbedingt da auch mal hin: an diese steile Küste, in jene Hütte auf dem Berg beim Morgengrauen. Und an jener Tankstelle rasten im leeren Island während der kurzen Nacht im Beisein Tausender von Sternen. Doch jede Erfahrung weiss: Das, was mir das Bild zeigt, werde ich genauso niemals erleben. Es ist unmöglich, an einen Sehnsuchtsort je zu gelangen, ohne im Gemüt nicht ein klein wenig falsch zu fühlen.

Genauso hat das amerikanische Magazin «National Geographic» das Gasthaus «Äscher» fotografiert am Alpstein: als Ort der Sehnsucht. Darunter schrieb das Magazin den süsslichen oder albernen Satz: «Der schönste Ort der Welt». Das war vor drei Jahren. Das Foto war toll, keine Frage. Es entwickelte genau jenen Sog, den Galli als Titel über seinen Bildband gesetzt hatte: «Sehnsucht».

Der Sog sammelte und drängte die Leute massenweise zusammen. Wie eine Ameisenkarawane zog die Menge nun jedes halbwegs trockene Wochenende die einzige Strasse entlang bis Wasserauen, stellte die Vehikel ab bei der Talstation der Luftseilbahn zur Ebenalp und fiel nach einem kurzen Fussmarsch ein im unvergleichlich in den Fels geklemmten, an den Fels gelehnten «Äscher». Der «schönste Ort der Welt» war im Nu zum «schönsten Elend der Welt geworden».

Ach, der Alpstein! Kann man vom Mittelland aus ja denken. Wenn da eine Ecke unmöglich mehr zu besuchen ist – gibt es nicht viele andere Wege und Orte? Möglicherweise. Aber möglicherweise nicht mehr lang. Darum ist das «Äscher» mit seinem Ruhm und Boom, der den Wirtsleuten nun den Garaus machte, symptomatisch. Das Wirte-paar sagt, die «Infrastruktur» habe dem Ansturm nicht mehr genügt. Das stets vollverschmutzte WC zu putzen, war vielleicht irgendwann einfach zu garstig.

Aber was wäre die Alternative, überall an vergleichbaren Orten, nicht nur im «Äscher»? Einen Betonbunker da hinzuklotzen wie auf dem Säntis, woraus man die Bergwelt nur noch wahrnimmt wie aus dem Silo einer Interkontinental-Rakete? Sehr zu Recht hocken Heimatschutz, Naturschutz und Archäologie auf dem Quivive am Alpstein wie Steinadler. Bitte kein weiteres Heidiland! Bitte nicht auch noch Chinesen.

Nur der Gerechtigkeit halber: Es sind nicht die Chinesen, die uns den «Äscher» kaputtbesucht haben. Das sind wir alle, wir Massenausflügler. Ich erinnere mich ans letzte Mal, da ich den Ort besuchte, im Kopf immer noch Sehnsuchtsbilder aus der Schulzeit. Damals hingen sogenannte Schulwandbilder im Klassenzimmer. Etwa «Die Höhlenbewohner», 1941 gemalt von Ernst Hodel. Dazu raunte der Lehrer vielsagend Sagenhaftes vom Wildkirchli.

Es spielt keine Rolle, wo einem als Schüler damit Kopf und Seele erfüllt wird, eine solche Gegend wird unweigerlich irgendwann zum Ort eigenen Pilgerns. Beim ersten Mal ging man hin, noch nahezu solo, in den frühen Achtzigern. Die Mönchsklause beim Wildkirchli war ein «Kraftort», fast packender noch – weil abgelegen und äusserst spartanisch – als die berühmten Meteora-Klöster Griechenlands. Und der Schüblig am Ende im «Äscher» die Krönung des Ganzen. Da sass man wirklich mit dem Gefühl: «Eigentlich musst du fortan nirgends mehr hin.»

Aber die Zeit vergeht, es kommt der Nachwuchs. Und nun will man es auch den Seinen zeigen. Also fuhren wir wieder hin. In Wasserauen war alles zugestellt mit Autos. Die Landstrasse desgleichen, beiderseits. Notabene drei Jahre vor dem Foto im «National Geographic».

Als Alternative auf den Hohen Kasten zu gondeln, von Brülisau aus, ging auch nicht. Die Feuerwehr hatte kurzerhand wegen des Ansturms das ganze Kaff abriegeln müssen. Wie hatten wir das erste Mal noch den Hohen Kasten besucht! Zu Fuss, innert zweier Tage. Keine Seilbahn, übernachten im Heu, aller Vorrat musste hingeschafft werden auf Eseln.

Wir reden nicht von Nostalgie; wir reden vom neuen Gebot der Sehnsucht, von Verzicht. Manche Leute wissen offenbar nicht mehr, dass man an den «Traumort» nicht einfach hinfahren kann. Nicht ohne eigene Erfüllung, vor allen nicht mit der Fiebrigkeit von Massen. Wir nehmen auch keinerlei Exklusiverlebnisse für uns in Anspruch. Wir bleiben nur – sorry – fortan zu Hause. Dort, wo den meisten offenbar furchtbar rasch die Decke auf den Kopf fällt.

Die Leute beanspruchen laufend mehr Wohnraum für sich, Decken-Boden-Fenster, um weit in die Landschaft zu gähnen. Und rennen dann zu jeder Zeit wie gejagt ausser Haus. Dann kracht der «Äscher». Oder die Ausflugszonen an Greifen- und Hallwilersee, wo die Leute auch gesalzene Bussen in Kauf nehmen, um überhaupt zu parken. Und in den «Schöner-Wohnen»-Quartieren daheim wird’s an Sonntagen still und stiller, beinahe besuchenswert ruhig, wären sie nicht dermassen steril.

max.dohner@azmedien.ch