Der Aargau, drittgrösster Deutschschweizer Kanton, wirtschaftlich wachsend und kulturell aufblühend, droht politisch an Einfluss zu verlieren. Nach Pascale Bruderer, die auf dem Papier Sozialdemokratin ist, im real existierenden Ständerat aber als überparteiliche Stimme wahrgenommen wird, hat diese Woche auch Philipp Müller (FDP) seinen Rücktritt angekündigt. Der Kanton verliert Ende 2019 zwei Ausnahmepolitiker. Bruderers Strahlkraft und Müllers Einfluss wird man noch vermissen. Der schwerste Verlust aber ist Doris Leuthard (CVP). Der Aargau hat sich daran gewöhnt, seit 2006 im Bundesrat vertreten zu sein, und dies erst noch mit dem konstant populärsten Regierungsmitglied. Doch die Präsenz ist, trotz der Grösse des Kantons, eine Anomalie: Zwei Generationen lang war er leer ausgegangen.

Leuthard, Bruderer, Müller: Was tun, damit dem Aargau im Politbetrieb nicht dasselbe widerfährt wie im Fussballgeschäft – die Marginalisierung? Erst mal: Super-League-Politiker in den Ständerat wählen! Zeit bleibt genug, sich ein Bild zu machen von den Kandidaten. Klar ist bereits, dass es die SVP ein zweites Mal mit Nationalrat Hansjörg Knecht versucht und dass die CVP mit Kantonalparteipräsidentin Marianne Binder ins Rennen steigt. Bei der FDP hat das Schaulaufen gerade begonnen – die Nationalräte Thierry Burkart und Matthias Jauslin haben ihr Interesse angemeldet. Pikant ist die Ausgangslage bei der SP: Nominiert sie Nationalrätin Yvonne Feri, eine zwar linke, aber bis in die Mitte hinein wählbare Frau? Oder den landesweit bekannten Nationalrat und Ex-Juso-Aktivisten Cédric Wermuth? In der SP dürfte Wermuth stärker begeistern, in der Volkswahl aber hätte Feri wohl die besseren Chancen.

Doris Leuthards Geheimnis

Bis zu den eidgenössischen Wahlen im Oktober 2019 wird noch vieles passieren; schon sehr bald aber könnte sich die Frage nach dem Leuthard-Ersatz stellen. Die Freiämterin hat am 1. August 2017 in einem Fernsehinterview angekündigt, bis spätestens Ende 2019 abzutreten. Seither rätseln Parlamentarier, Parteistrateginnen und Journalisten: Wann ist es so weit? Morgen? Während der Herbstsession? Oder gar erst nächstes Jahr? Leuthard lässt alle zappeln. In Interviews weicht sie der unvermeidlichen Frage aus und kann nur schlecht verbergen, dass sie sich darüber nervt.

Dabei liess sie sich vor einem Jahr genau deswegen zur Rücktritts-Aussage hinreissen: Weil sie glaubte, nach dieser Ankündigung nicht mehr dauernd gefragt zu werden, ob sie nochmals eine Amtsperiode anhänge. Seither kommt routinemässig die Frage nach dem genauen Datum. Leuthards Geheimnis lässt die Gerüchteküche brodeln. Jüngst war gar zu vernehmen, die 55-Jährige prüfe, über 2019 hinaus im Amt zu bleiben. Denn ein Spitzenmandat in der Wirtschaft habe sie bislang nicht in Aussicht.

Wie auch immer: Der Tag wird kommen. Gibt der Aargau den Bundesratssitz schulterzuckend preis? Anfänglich schien es so. CVP-Chefin Marianne Binder sagte: «Ich gehe nicht davon aus, dass der Aargau Anspruch auf den Sitz erheben kann.» Inzwischen aber hat sich das Feld der Papabili gelichtet: Der Luzerner CVP-Ständerat Konrad Graber zieht sich aus der Politik zurück, und Parteipräsident Gerhard Pfister sagte «ich kandidiere nicht» (was jedoch nichts heissen muss). Regelmässig genannt werden der Solothurner Ständerat Pirmin Bischof und der St. Galler Regierungsrat Benedikt Würth. Und auch zwei Frauen: die Nationalrätinnen Elisabeth Schneider-Schneiter (BL) und Viola Amherd (VS).

Warum nicht Ruth Humbel?

Nichts gegen diese Namen, aber der Aargau hat mindestens Ebenbürtiges zu bieten. Ruth Humbel Näf, Nationalrätin seit 2003, Juristin und ehemalige Spitzenläuferin, kann es locker mit Schneider-Schneiter und mit Amherd aufnehmen. Wann merkt es die CVP Aargau? Von allen drei Frauen ist Humbel die profilierteste und bestvernetzte; auf dem relevanten Gebiet der Gesundheits- und Sozialpolitik gehört sie zu den führenden Köpfen in Bern. Ihr Alter – Humbel wurde gerade 61 – ist kein Gegenargument, denn es bewegt sich im Mittelwert von Ueli Maurer, Guy Parmelin, Ignazio Cassis und Simonetta Sommaruga.

Und da wäre auch noch ein Mann: Bundeskanzler Walter Thurnherr (CVP, 55). Der bodenständige Physiker ist ein ebenso brillanter wie humorvoller Kopf – und führungserfahren. Seine Ambitionen hat er nur lauwarm dementiert. Bei Lichte betrachtet, ist Thurnherr die überzeugendste Persönlichkeit für die Leuthard-Nachfolge. Ost- und Zentralschweizer versuchen den Freiämter zu verhindern, um einen der Ihren in die Regierung zu hieven. Soll dem Besten die Herkunft zum Nachteil gereichen? Das kanns nicht sein. Die Aargauer Politstrategen sind gefordert: Die Chancen, dass der Kanton erneut im Bundesrat vertreten ist, könnten jetzt besser stehen als viele, viele Jahre lang. Zur Erinnerung: Der letzte Aargauer, dem das vor Leuthard gelang, war Hans Schaffner (FDP). Er wurde 1961 gewählt.