Erneut sind am Freitag in 25 Schweizer Städten Tausende von Jugendlichen in den Klimastreik getreten, um die Politik wachzurütteln. Die Zahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer und ihre Ausdauer sind eindrücklich – hierzulande dauern die Aktionen seit drei Monaten an.

Doch um gleich mit einem Missverständnis aufzuräumen: Mutig, wie es so oft heisst, sind diese Jugendlichen nicht. Indem sie für eine Reduktion der Treibhausgase demonstrieren, lehnen sie sich keineswegs gegen die Mächtigen im Staat auf. Kaum jemand fühlt sich provoziert.

Ganz im Gegenteil: Ihre Lehrer, Umweltministerin Simonetta Sommaruga und die grosse Mehrheit der Politik applaudieren den Jugendlichen. Fast anbiedernd wirkt es, wenn Kantonsparlamente auf Bitten der Schüler den «Klima-Notstand» ausrufen. Die Übereinstimmung mit dem Establishment unterscheidet die Klima-Jugend von früheren Jugend-Bewegungen. An manchen städtischen Gymnasien braucht es mehr Mut, sich Greta Thunbergs Streikaufruf zu verweigern, als sich den Demonstranten anzuschliessen.

Bilder der Klimademonstrationen im Aargau:

Das heisst nicht, dass die Anliegen der Jugendlichen falsch sind. Die menschgemachte Erderwärmung ist eine Tatsache. Die Folgen – Gletscherschwund, Extrem-Wetter, Anstieg des Meeresspiegels – sind offensichtlich. Das wissen wir eigentlich seit langem. Es ist der Erfolg der Jugendlichen, dass der Klimaschutz nun auf der Traktandenliste der Politik nach oben gerückt ist.

Realpolitisch ist noch nicht viel passiert, aber die Klima-Kehrtwende der FDP und die allseits erwarteten Sitzgewinne für Grüne und Grünliberale bei anstehenden Kantonswahlen deuten an, dass etwas in Bewegung geraten ist.

Ideologische Denkbarrieren

Im Jahr 2006 galt es noch als Provokation, als Ex-US-Vizepräsident Al Gore in seinem Dokumentarfilm «Eine unbequeme Wahrheit» die globale Erderwärmung als Gefahr für die Menschheit bezeichnete. Inzwischen ist diese Erkenntnis Allgemeingut. Doch allein damit ist noch nichts gewonnen.

Was ist zu tun, um die Erderwärmung zu bremsen und bestenfalls zu stoppen? Braucht es dafür staatliche Eingriffe, und, wenn ja, welche? Oder werden es der Markt und neue Technologien richten? Nicht einmal die beiden grünen Parteien, die jetzt Aufwind haben, sind sich einig. Die einen setzen mehr auf Vorschriften und Verbote, die anderen auf marktwirtschaftliche Anreize.

Klimastreik in Basel

Klimastreik in Basel (Beitrag vom 15. März 2019)

Hüben wie drüben stehen ideologische Denk-Barrieren sinnvollen, umsetzbaren Lösungen im Weg. Rechtsbürgerliche wollen nicht einmal über eine CO2-Steuer diskutieren, weil sie allergisch auf jede Art von Steuer reagieren. Dabei ist die Pointe dieser Steuer, dass sie nicht zu Mehreinnamen beim Staat führt. Darum wird sie von liberalen Ökonomen befürwortet.

Die Idee: Der Staat gibt das eingenommene Geld pro Kopf an die Bevölkerung zurück. Wer sich klimafreundlich verhält, zum Beispiel ein sparsames Auto fährt, bekommt mehr zurück, als er abgeliefert hat. Wer keine Rücksicht nimmt, der zahlt dann drauf. Dies funktioniert nach der simplen marktwirtschaftlichen Logik, dass das Verhalten der Menschen und Firmen über den Preis gesteuert wird.

Viel Ideologie ist auch auf der Linken im Spiel. Das zeigt sich etwa bei der Atomkraft, die bekanntlich keine Treibhausgase verursacht. AKW sofort abstellen, lautet ungebrochen die Parole. Die Grünen importieren lieber Strom aus ausländischen Gas- oder Kohlekraftwerken mit schlechter CO2-Bilanz.

Wenn die Klimaerwärmung das grösste Problem überhaupt ist, warum wollen sie dann die Kernforschung verbieten, also für alle Zeiten verhindern, dass eine neue Generation von AKW dereinst einen sauberen Beitrag zum Energie-Mix leisten kann? Und woher soll eigentlich der Strom für all die Elektro-Autos kommen?

Schweizer Jugendliche gehen für Klimaschutz auf die Strasse

Schweizer Jugendliche gehen für Klimaschutz auf die Strasse

Schweizer Jugendliche fordern im Klimaschutz Taten statt Worte. Um ihrem Anliegen Nachdruck zu verleihen, gehen sie am weltweiten Protesttag vom Freitag unter dem Motto "Klimastreik" im ganzen Land auf die Strasse.

Es gibt nicht nur Al Gores unbequeme Wahrheit für die Klimaskeptiker. Es gibt auch unbequeme Wahrheiten für die ideologischen Klimaschützer. Etwa die: Die Produktion der Batterien für Elektroautos setzt Unmengen von CO2 frei. Meist werden sie von chinesischen Konzernen hergestellt, welche die für die Batterien erforderlichen Rohstoffe (seltene Erden) in Afrika beschaffen – nicht selten durch Kinderarbeit.

In Deutschland wollen Grüne Diesel-Autos verbieten, obwohl manche von ihnen – wieder eine unbequeme Wahrheit – die bessere Öko-Bilanz haben als E-Autos. Und auf jeden Fall klimafreundlicher sind als Benziner.

Um wirksam gegen den Klimawandel vorzugehen, müssen die Fakten anerkannt werden. Es gibt nicht die eine Massnahme, die das Problem löst, es wird eine Mischung verschiedener Massnahmen brauchen. Der technologische Fortschritt hilft, doch zugleich wird es, wenn man es ernst meint, nicht ohne Verzicht gehen.

Keine Maturreise mit Easyjet. Keine Kreuzfahrten mehr. Weniger Wohnfläche. Weniger heizen. Weniger Fleisch und keine exotischen Früchte mehr. Das würde mehr helfen als demonstrieren.

Wer ist bereit dazu?