Über das Sparprogramm der SBB samt Stellenabbau lässt sich fraglos diskutieren. Gut oder schlecht, nötig oder überflüssig. Doch als der Erste einwarf, es drohten nun deutsche Verhältnisse, dachte ich: Freunde aus der Schweiz, wir müssen reden.

Deutsche Verhältnisse? Ernsthaft? Vor einigen Jahren, auf der Fahrt von Stuttgart nach Rottweil, wurde ich in einem Zug vergessen! Nicht als Kind, ich war schon gross. Ein Student, der von Regensburg in den Schwarzwald reiste. In Stuttgart stieg ich um. In den letzten Schnellzug Richtung Süden. Es muss etwa 23 Uhr gewesen sein, als wir im Bahnhof Rottweil einrollten. Zehn Leute wollten raus, ich stand hinten in der Schlange. Der dritte Passagier stieg auf den Perron, dann schlossen sich die Türen. Der Zug fuhr ab. Entgeistert blickten wir uns an. Sieben Gestrandete zwischen den Abteilen. Gefangen im Rollmaterial. Eine Frau begann zu lachen, drei Männer fluchten. Einer davon war ich. Der nächste Halt war Singen. 60 Kilometer entfernt. Einen Zug zurück gabs erst am nächsten Morgen. Das, liebe Leute, sind deutsche Verhältnisse.

Eine Verspätungs-Obergrenze —extra für die Nachbarn?

Freilich ist das kein alltägliches Beispiel aus dem Leben eines Bahnfahrers in Deutschland, eher ein extremes. Deshalb noch eine repräsentativere Begebenheit aus meiner prall gefüllten Kiste der frustrierenden Bahn-Erinnerungen. «Bad-Bahn-Memories», wenn Sie so wollen. In Karlsruhe auf Gleis zwei stand ich und regte mich gar nicht mehr darüber auf, dass der Intercity nach Zürich 45 Minuten Verspätung hat. Was dem Professor die akademische Viertelstunde, ist dem deutschen Lokführer sozusagen das Bähnler-Dreiviertel. Weiss jeder, alles easy. Doch dabei blieb es nicht. Zwischen Offenburg und Freiburg sammelten wir Verspätungsminuten wie Jugendliche Pokémons. Alle paar hundert Meter eine. Doch auch das liess mich kalt. Denn ich wusste: Es kann noch schlimmer kommen. Kam es auch. Kurz vor der Grenze schwäbelte es aus dem Lautsprecher, der Zug fahre wegen der massiven Verspätung nur bis Basel. Während man in deutschen Verkehrsleitstellen froh ist, wenn der Zug überhaupt kommt, kennt die Schweiz offenbar eine Obergrenze für Verspätungen. Wahrscheinlich extra für die deutschen Kollegen eingeführt. Da ich in Basel in einen SBB-Zug umstieg, kam ich – abgesehen von der ursprünglichen Verspätung – auf die Sekunde pünktlich in Zürich an.

Für einen in Deutschland sozialisierten Passagier ist die Schweiz ein Bahnfahr-Paradies. Süsse Pünktlichkeit. Das Erste, was ich nach meinem Zuzug gemacht habe: Ich tauschte mein Auto gegen das Generalabonnement. Die Verspätungsminuten, die in nunmehr knapp zwei Jahren täglichem Pendeln zusammenkamen, sammelt der ICE-Fahrgast an einem Wochenende. Woran das liegt? Nun, Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur gehen deutschen Politikern so schwer über die Lippen wie das Wort Verkehrsinfrastruktur. Wer in Deutschland über eine Autobahnbrücke fährt, blickt zwar noch nicht bange nach unten. Sollte er aber. Allein schon der Blick in Studien zum Zustand der Brücken im Land ist nichts für schwache Nerven.

Die Schweiz steckt verhältnismässig viel mehr Geld in die Bahn

Gleiches gilt fürs Schienennetz. Zwar hat die deutsche Bundesregierung just in dieser Woche angekündigt, zusätzlich gut zwei Milliarden Euro in die hoch verschuldete Bahn zu stecken. Doch der Vergleich mit der Schweiz bleibt ernüchternd: Während hierzulande im vergangenen Jahr pro Kopf mehr als 400 Franken in die Schieneninfrastruktur investiert wurden, waren es in Deutschland gerade einmal deren 60. Die Verspätungen wird die Deutsche Bahn so wohl kaum in den Griff kriegen. Und diese sind ja längst nicht das einzige Problem: Steigt die Temperatur über 30 Grad, fällt in den Zügen häufig die Klimaanlage aus. Sinkt sie unter den Gefrierpunkt, streikt die Heizung. Zugfahrten in Deutschland sind oft die reinste Qual.

Wenn nun die SBB sparen, und – anders als sie es versprechen – dabei ein Qualitätsverlust für die Kunden herauskommen sollte, wäre das extrem ärgerlich. Und heftig zu kritisieren. Von deutschen Verhältnissen jedoch wären wir selbst im denkbar allerschlimmsten Fall noch weiter entfernt als ein durchschnittlicher ICE von seiner fahrplanmässigen Ankunftszeit. Und das will wirklich etwas heissen.

fabian.hock@azmedien.ch