Wer heute Morgen durch die Newsportale surfte, bekam den Eindruck, der Abgang des US-Präsidenten sei nur noch eine Frage der Zeit. Ähnliche Schlagzeilen waren durch die Medien gedonnert, als er im Juli beim Treffen mit Russlands Präsidenten Wladimir Putin in die Knie ging und, wie sogar Republikaner befanden, "landesverräterische" Aussagen machte. Was geschah? Nichts. Eine Woche später erreichten Trumps Zustimmungswerte bei den Amerikanern einen neuen Rekordwert.

Der US-Präsident kam bis jetzt mit allem davon, selbst mit den grössten Skandalen, Lügen und Fehltritten. Er selbst hat dieses Phänomen am besten erklärt, als er sagte: "Ich könnte mitten auf der Fifth Avenue stehen und jemanden erschiessen, und ich würde keine Wähler verlieren."

Und nun also das Schuldbekenntnis von Trumps langjährigem Anwalt Michael Cohen und die Verurteilung seines früheren Wahlkampfleiters Paul Manafort wegen Steuerhinterziehung. In normalen Zeiten würde ein solcher juristischer Doppelschlag einen US-Präsidenten wohl tatsächlich in arge Nöte bringen; bereits werden Vergleiche mit den letzten Wochen Richard Nixons angestellt, den einzigen Präsidenten der Geschichte, der vor Ablauf der Amtszeit zurücktreten musste. Doch wir leben nicht in normalen Zeiten: Die aktuelle Präsidentschaft, das Verhalten der Parteien und auch der Medien entziehen sich jeder historischen Parallele, jeder berechenbaren Logik.

Selbst Trumps grösste juristischen Risiken - eine Anklage durch Sonderermittler Robert Mueller wegen der Russland-Affäre, oder die Verurteilung wegen Verletzung von Wahlkampfgesetzen - müssen nicht zwingend das Ende dieser Präsidentschaft bedeuten. Trumps Schicksal ist weniger von juristischen als von politischen Faktoren abhängig, genauer vom Volk: Glaubt die Hälfte Amerikas seiner These von der "Hexenjagd" auf ihn, den Anti-Establishment-Präsidenten, dann ist durchaus möglich, dass die Republikaner in diesem Herbst bei den Zwischenwahlen die Mehrheit im Kongress verteidigen. Und wenn die Wirtschaft weiterhin so gut läuft, ist auch eine Wiederwahl von Trump 2020 nicht ausgeschlossen. Abgesänge auf Präsident Trump sind definitiv zu früh.